Kanton Waadt

«Ich trete an, um zu gewinnen»: Valérie Dittli will Regierungsrätin bleiben

Die Waadtländer Mitte-Politikerin hat den Rückhalt ihrer eigenen Partei verloren. Doch jetzt prescht Valérie Dittli mit einer Kampfansage vor.
Valerie Dittli sorgt wieder für Wirbel.
Bild: Keystone

Die Gewitterwolken türmen sich nicht mehr auf, sondern haben sich längst über Valérie Dittli entladen. Der jüngste Blitz schlug am Freitag ein. Der «Blick» berichtete, dass die Parteileitung der Mitte eine Kandidatur Dittlis bei den Waadtländer Wahlen im kommenden Februar nicht mehr unterstützt. Die 33-jährige gebürtige Zugerin ist damit wohl die isolierteste Politikerin der Schweiz – aber auch die kampfeslustigste.

In einem Interview mit «Le Matin Dimanche» kündigte Dittli an, sie werde wieder antreten – und zwar «um zu gewinnen». An der Parteiversammlung vom 2. September werde sie versuchen, die Mitte-Delegierten von ihrer Kandidatur zu überzeugen. Bleibt die Unterstützung aus, kann sich die Vorsteherin des Departements für Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Klima und Digitalisierung auch vorstellen, auf eigene Faust ins Rennen zu steigen.

Dittli schaffte 2022 sensationell den Einzug in die Waadtländer Regierung dank der Unterstützung von FDP und SVP. Diese Allianz wird es nicht mehr geben. Dittli spricht denn auch von einem David-gegen-Goliath-Szenario.

Sie räumte ein, vor allem zu Beginn ihrer Amtszeit Fehler gemacht zu haben. Dafür übernehme sie die Verantwortung. Aber sie habe auch ihre Arbeit gemacht, anstatt das Regieren der Verwaltung zu überlassen. Die Steuerlast im Kanton Waadt sei zu hoch, genauso wie die bürokratische Belastung für die Wirtschaft. Dittli möchte die Kaufkraft des Mittelstandes stärken und die KMU entlasten. Im Wahlkampf setzt sie zudem auf Innovation, um die Landwirtschaft für den Klimawandel und Dürreperioden zu wappnen.

Affären setzen dem einstigen Polit-Shootingstar zu

Dittli steht im Kanton Waadt seit mehr als einem Jahr unter Beschuss. Das hat mit einer Reihe von Affären zu tun, in denen die Zugerin eine Hauptrolle spielt. Ein parlamentarischer Bericht stellt ihr ein vernichtendes Zeugnis aus. Die Rede ist von mangelhaftem Management, Misstrauen gegenüber Verwaltungsangestellten und fehlender Führung.

Zudem laufen zwei Strafuntersuchungen gegen den einstigen Polit-Shootingstar. Bei der einen geht es um den Verdacht auf Amtsmissbrauch im Zusammenhang mit ihrer Amtsführung als Finanzdirektorin. Konkret geht es unter anderem um den Vorwurf, Dittli habe die Annullierung rechtskräftiger Steuerveranlagungen verlangt. Dabei spielt eine verunglückte Steuerreform ihres Vorgängers Pascal Broulis (FDP) eine Rolle.

Bei der anderen Strafuntersuchung ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines Auftrags über 10'000 Franken aus öffentlichen Mitteln, den Dittli Jean-Claude Mathey, dem früheren Präsidenten der Kommission für ländlichen Grundbesitz des Kantons Waadt, erteilte. Gemäss einem Bericht des früheren Kantonsgerichtspräsidenten Jean-François Meylan zog Mathey im Gegenzug eine Strafanzeige gegen Dittli zurück. Meylan zufolge informierte Dittli die Gesamtregierung nicht über den Deal. Zudem hält er das Honorar von 10'000 Franken als Gegenleistung für überrissen.

In der vorletzten Woche warf Dittli ihren Regierungskollegen an einer Pressekonferenz vor, ihr das verfassungsmässig garantierte rechtliche Gehör verweigert zu haben. Sie berief sich dabei auf ein Rechtsgutachten, das sie auf eigene Kosten in Auftrag gegeben hatte.

Darin kommen die Genfer Rechtsprofessorin Vanessa Rüegger und der Zürcher Rechtsprofessor Felix Uhlmann zum Schluss, Dittlis Recht auf Anhörung sei bei der Erarbeitung des Meylan-Berichts und dessen Weitergabe an die Staatsanwaltschaft gravierend verletzt worden. Dittli habe sich vor der Publikation des Berichts nicht mehr dazu äussern können.

Die Gesamtregierung wies Dittlis Vorwürfe umgehend zurück. Sie habe bei der Mandatierung Meylans mitwirken und sich zweimal bei ihm erklären können. Nach einer internen Analyse kam die Regierung zum Schluss, Dittlis Privatgutachten widerspiegle nicht den aktuellen Stand der Rechtsprechung.

Dittli liebt Kanton Waadt «noch mehr»

Das Tuch zwischen Dittli und dem Kollegium ist schon lange zerschnitten. Im Frühling 2025 entzog ihr die Gesamtregierung das Finanzressort. Seit dem 1. Juni 2025 ist sie nicht mehr für Finanzen und Steuern zuständig; dafür erhielt sie unter anderem den Bereich Digitalisierung.

Dittli räumte gegenüber «Le Matin Dimanche» ein, auch schon daran gedacht zu haben, den Bettel hinzuschmeissen. Aber sie sei eine «Macherin». Trotz der Kritik, die auf sie niederprasselt, sagt Dittli über den Kanton Waadt: «Ich liebe ihn sogar noch mehr.» In diesen vier Jahren ihrer Regierungszeit sei sie kreuz und quer durch den Kanton gereist und habe seine Regionen und Dörfer kennengelernt. «In diesem Kanton gibt es Traditionen, die einfach unglaublich sind.»