Schweiz-USA

Top-Jurist, Mormone, fünffacher Vater: Warum der Bundesrat auf diesen Mann hofft

In Donald Trumps Handels-Team ist es zu einer Machtverschiebung gekommen. Wer ist Jamieson Greer, den Bundespräsident Guy Parmelin heute in Washington trifft?
Da stand er noch am Rande: Trumps Handelsbeauftragter Jamieson Greer (links), Finanzminister Scott Bessent und die Bundesratsmitglieder Karin Keller-Sutter und Guy Parmelin im Mai 2025 in Genf.
Bild: MARTIAL TREZZINI/EPA

Im Zollstreit mit den USA tickt die Uhr, einmal mehr. Die aktuellen Zusatzölle von 10 Prozent könnten schon am 24. Juli passé sein. Im schlimmsten Fall gelten danach wieder 39 Prozent oder irgendeine Zahl, die sich aus Donald Trumps Laune gerade ergibt.

Darum ist entscheidend, wer diese Laune zügeln kann. Aktuell scheint dazu am ehesten ein Mann imstande zu sein, der in Trumps Handels-Apparat schon von Beginn weg dabei war, aber zunächst im Hintergrund stand: der Handelsbeauftragte Jamieson Greer. Mit ihm trifft sich Guy Parmelin am Montag.

Die Schweiz will verhindern, dass die Zölle erneut steigen. Höhere Zölle würden vor allem Industrie und die Uhrenbranche empfindlich treffen. Eine Wiederholung des Schreckensszenarios vom 1. August 2025 soll vermieden werden.

«Jamieson Greer ist die Schlüsselperson»

Seit jenem traumatischen Bundesfeiertag, an dem die damalige Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter den «No Deal» mit Trump verkünden musste, haben sich auf amerikanischer Seite die Gewichte verschoben. Zwar sind weiterhin auch Handelsminister Howard Lutnick und Finanzminister Scott Bessent im Zoll-Dossier involviert.

Die einflussreichste Person – so ist aus der Berner Diplomatie zu hören – ist aber mehr denn je Jamieson Greer, der Handelsbeauftragte. «Er ist die Schlüsselfigur der amerikanischen Handelspolitik und hat das Ohr von Trump», sagt eine Person, die in die Gespräche involviert ist. Lutnick ist auch darum geschwächt, weil er im Epstein-Sumpf steckt.

Machtverlust: Howard Lutnick am letzten WEF in Davos.
Bild: AFP

Just am Wochenende veröffentlichte das «Wall Street Journal» eine Analyse, die den Aufstieg von Greer zur «zentralen Figur» von Trumps Handelspolitik nachzeichnet. Die Schweiz wird in dem Artikel zwar nicht erwähnt. Betont wird darin aber, dass Greer jetzt die wichtigsten Verhandlungen führe – von Indien über die Neuverhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (mit Mexiko und Kanada) bis zum Neuaufbau von Trumps Zollpolitik nach dem negativen Urteil des Supreme Court.

Im Nachhinein wirkt eine Episode vom WEF in Davos wie eine Prophezeiung: Nachdem Donald Trump auf der Bühne Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter verspottet hatte, begegnete er ihr wenige Minuten später persönlich. Trump lobte die Schweizerin plötzlich als «tough, tough, tough» und als «starke Verhandlerin». Dann deutete er auf die neben ihm stehenden Mitglieder seines Teams – darunter Bessent, Lutnick und Greer – und sagte: «Diese Frau ist tough, ihr seid schwach. Ihr müsst auch tough sein!» Die Schelte scheint, wie später zu hören war, vor allem Lutnick und Bessent gegolten zu haben. Heisst das jetzt, dass es für die Schweiz mit dem erstarkten Greer noch schwieriger wird?

Sachlich, umgänglich, vielsprachig

In Bern ist man vom Gegenteil überzeugt. Greer gilt als sachorientiert, umgänglich und aufmerksam, als Gegenbild zum extrovertierten Wall-Street-Milliardär Howard Lutnick, der in Gesprächen oft oberflächlich sei. Greer suche weder Kameras noch Schlagzeilen. Das «Wall Street Journal» beschreibt ihn als «ernsten, juristisch geprägten Mormonen».

Guy Parmelin traf Jamieson Greer bereits im vergangenen September, danach postete der Bundesrat dieses Bild auf X.
Bild: x.com/ParmelinG

Der 45-jährige Kalifornier studierte internationale Beziehungen in den USA und Recht in Paris. Fast zehn Jahre diente er als Militärjurist der US Air Force, unter anderem im Irak. Greer ist praktizierender Mormone, absolvierte als junger Mann eine zweijährige Mission in Belgien, Frankreich und Luxemburg, spricht fliessend Französisch, ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Das Oberste Gericht der USA erklärte im Februar grosse Teile von Trumps «Liberation Day»-Zöllen für unzulässig. Damit war der Präsident gezwungen, seine Handelspolitik juristisch neu aufzustellen. Dazu scheint er auf einen Profi zu setzen. Greer ist kein Quereinsteiger, sondern ein Mann aus Trumps erster Amtszeit. Damals arbeitete Greer als Stabschef des Handelsbeauftragten Robert Lighthizer, der als Architekt von Trumps erstem Handelskrieg mit China gilt.

Politisch gilt er als Wirtschaftsnationalist, der zutiefst an die Wirkung von Zöllen glaubt. Er will amerikanische Industriearbeitsplätze schützen und insbesondere China wirtschaftlich unter Druck setzen. Anders als Trump oder Lutnick verkauft Greer diese Politik aber nicht mit markigen Sprüchen, sondern mit juristischer Präzision.

Auch er arbeitet mit Drohungen

Anfang Juni war es ausgerechnet seine Behörde, die der Schweiz mit neuen Zusatzzöllen von 12,5 Prozent drohte. Greer begründete dies damit, die Schweiz verbiete den Import von Produkten aus Zwangsarbeit nicht konsequent. Der Bundesrat widersprach und verwies darauf, dass Zwangsarbeit in der Schweiz verboten sei.

Greers Manöver zeigte: Er sucht für Trumps Zollpolitik neue, rechtlich tragfähige Grundlagen. Die Drohung richtete sich nicht speziell gegen die Schweiz, sondern gegen rund 60 Handelspartner.

Trump überlasse Greer viel Spielraum, da ihn zurzeit der Iran-Krieg, die Energiepreise und die Zwischenwahlen absorbieren würden, glaubt man in der Diplomatie. Es bestehe die Hoffnung, mit Greer «vernünftig» verhandeln zu können, ihm beispielsweise auch aufzuzeigen, dass das von Trump immer wieder zitierte Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber der Schweiz von angeblich 40 Milliarden Dollar verschwunden ist und sich sogar in einen Überschuss umgekehrt hat.

Parmelin selbst betreibt ein gedämpftes Erwartungsmanagement. Am Swiss Economic Forum sagte er zum weiteren Vorgehen bei den Zöllen: «Wenn eines sicher ist, dann, dass alles unsicher ist.» So sprechen gebrannte Kinder.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: