Eigentlich ist die Agenda von Josef Wiederkehr schon mehr als gut gefüllt. Und trotzdem nimmt sich der Bauunternehmer, der einen Betrieb mit rund 150 Mitarbeitenden führt, abends manchmal persönlich Zeit, um mit seinen Lernenden zu büffeln – etwa in Mathematik oder Baustoffkunde. Der Grund: Vielen Auszubildenden fehlten schlicht die Grundkompetenzen.
Oftmals bleibe allerdings gar nicht so viel von diesen Nachhilfestunden hängen, sagt Wiederkehr: «Es scheitert nämlich oft beim Textverständnis. Die Lernenden haben Mühe, komplexere Texte zu verstehen.» Auch beim Schreiben stellt er erhebliche Lücken fest. «Manchmal frage ich mich, wie das nach neun Schuljahren im Schweizer Schulsystem möglich ist.»
Eigentlich hätte Wiederkehr Kapazitäten für rund 20 Lernende, derzeit beschäftigt er jedoch nur 12. Einerseits sei es schlicht schwieriger geworden, Kandidaten mit genügenden Noten für die KV-, Maurer- und Gerüstbauer-Lehrstellen zu finden. Andererseits ist der Betreuungsaufwand gestiegen, er müsse sich für jeden Einzelnen mehr Zeit nehmen.
Alarmierende Umfrageresultate
So wie Wiederkehr geht es vielen Unternehmern. Das zeigt eine Umfrage von Economiesuisse, dem Schweizerischen Arbeitgeberverband und dem Schweizerischen Gewerbeverband. Mittlerweile gibt bereits jedes fünfte Unternehmen an, aufgrund sinkender Grundkompetenzen weniger Lernende auszubilden oder ausbilden zu wollen.
Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Allerdings verweisen die Verbände auf fast 3000 Antworten von Unternehmen. Daraus gehe hervor, dass diese vermehrt Defizite bei den Grundkompetenzen von Lernenden feststellen. Besonders gravierend sei dies beim Schreiben und in der Mathematik.
Die Ergebnisse sind alarmierend:
- Schreiben: 46 Prozent bewerten die Fähigkeiten als eher ungenügend, 13 Prozent als nicht erfüllt. Nur 37 Prozent sehen die Anforderungen als erfüllt an.
- Mathematik: Hier bewerten 33 Prozent die Kompetenzen als eher ungenügend und 9 Prozent als nicht erfüllt. Für 38 Prozent sind die Anforderungen erfüllt.
- Lesen: 37 Prozent der Betriebe stufen die Leistungen der Auszubildenden als eher ungenügend ein, 6 Prozent als nicht erfüllt. 54 Prozent beurteilen sie als erfüllt.
«Beim Lesen bereitet vor allem das Verständnis von längeren Texten Schwierigkeiten», sagt Nadine Wüthrich, Projektmitarbeiterin Wirtschaftspolitik und Bildung beim Wirtschaftsverband Economiesuisse. Beim Schreiben seien es Grammatik und Rechtschreibung sowie die Fähigkeit, längere Texte zu strukturieren. In der Mathematik gebe es Probleme dabei, Resultate in einen Zusammenhang zu setzen und mit Grössen und Einheiten zu rechnen.
Bauunternehmer Wiederkehr beobachtet seit mehreren Jahren eine schleichende Verschlechterung der Kompetenzen. Das deckt sich mit der Umfrage. Besonders beim Schreiben ist diese Entwicklung frappant: Rund drei Viertel der Unternehmen geben an, dass sich die Schreibkompetenzen ihrer Lernenden verschlechtert haben. Jedes dritte Unternehmen spricht sogar von einer starken Verschlechterung.
Wirtschaft fordert Fokus auf Kernkompetenzen
Für die drei Verbände ist das ein Warnsignal. «Es droht ein Strukturwandel bei der Lehrlingsausbildung», sagt Urs Furrer, Direktor des Gewerbeverbands. Besonders kleine Betriebe würden sich in der Folge immer mehr aus der Ausbildung zurückziehen. Die schlechte Performance der Schulen gefährde eine typische Stärke des Schweizer Berufsbildungssystems.
Die Verbände fordern deshalb: Die Kompetenzen Lesen, Schreiben und Mathematik müssten in der Schule wieder konsequent im Zentrum stehen. «Die KMU machen ihren Job und bilden die Fachkräfte von morgen aus», so Furrer. «Jetzt müssen auch die Schulen ihren Job machen. Lesen, Schreiben und Rechnen können wir in den Lehrbetrieben nicht nachholen.»
95 Prozent mit Sek-II-Abschluss
Die Wirtschaftsverbände verweisen auch auf das sogenannte 95-Prozent-Ziel. Vor 20 Jahren definierten Bund, Kantone und Sozialpartner das Ziel, dass 95 Prozent der 25-Jährigen eine Lehre absolviert oder die Matura im Sack haben – also einen Abschluss auf Sekundarstufe II besitzen. Diese Vorgabe wurde noch nie erreicht.
«In die Grundkompetenzen mehr Zeit zu investieren, erscheint mir keineswegs abwegig», sagt auch Bauunternehmer Josef Wiederkehr. Bis dahin will er motivierten Bewerbern eine Chance geben: Wo ein Wille ist, liessen sich die Defizite aufholen. Zur Not mit ein paar Extraschichten des Chefs.


