Vier Tage ist der kleine Junge alt, als Jacqueline Rüegger ihn aus dem Spital mit nach Hause nehmen darf. Seine Mutter hat ihn nach der Geburt dort zurückgelassen. Warum, weiss Rüegger nicht. Für sie zählt jetzt vor allem, dem Baby Nähe, Geborgenheit und einen möglichst normalen Alltag zu geben.
«Ich konnte fast nicht warten, bis ich ihn hier habe und ihm sagen kann, dass er nach Hause kommen darf», sagt die 46‑Jährige. Jacqueline Rüegger lebt mit ihrem Mann Simon und den drei gemeinsamen Kindern im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Für die Familie ist es bereits das sechste Übergangspflegebaby.
Für drei neue Folgen der Sendung «+41» wurde die Familie Rüegger begleitet. Darin geht es um die Aufnahme eines neuen Übergangspflegebabys, den Alltag der Familie und den schwierigen Abschied, der irgendwann bevorsteht.
Für die Rüeggers fühlt sich ein Pflegebaby schon nach kurzer Zeit nicht mehr fremd an. Auch die eigenen Kinder beziehen die Babys rasch in die Familie ein und helfen mit. Der jüngste Sohn bezeichnete schon das erste Übergangspflegekind als «kleine Schwester». Und als das aktuelle Baby zum ersten Mal nach Hause kommt, haben am nächsten Tag alle frei – die ganze Familie kann mithelfen.
Die Rüeggers gehören zu einem Pool von Übergangspflegefamilien des Vereins tipiti. Andrea Rechenmacher begleitet solche Platzierungen für den Verein. Rund 20 Familien stehen zur Verfügung, jährlich werden 10 bis 20 Babys platziert.
Was hinter der Abgabe eines Kindes steckt, erfahren die Übergangspflegefamilien bewusst nicht immer im Detail. Rechenmacher erklärt, dass sie sich möglichst unbelastet auf das Baby konzentrieren sollen.
Gleichzeitig wird dessen erste Zeit dokumentiert: Beim ersten Besuch bringt sie den Rüeggers Speichersticks und einen Gutschein für ein Fotobuch mit, in dem Fotos, Filme und Berichte festgehalten werden.
Warum die Babys nicht direkt zu Adoptiveltern kommen
Während das Baby bei der Übergangsfamilie lebt, ist noch offen, wie es danach weitergeht. Eine Adoptionsfreigabe kann frühestens sechs Wochen nach der Geburt unterschrieben werden. Danach haben die Eltern nochmals sechs Wochen Zeit, ihre Zustimmung zu widerrufen.
Diese Frist ist wichtig, weil sich leibliche Eltern nach der Geburt nicht selten noch umentscheiden. Laut Rechenmacher gibt es bei ursprünglich beabsichtigten Adoptionen in rund 30 bis 50 Prozent der Fälle einen Rückzug.
Auch deshalb kommen die Babys zunächst zu einer Übergangs-pflegefamilie und nicht direkt zu Adoptiveltern. Für Paare, die teilweise seit Jahren auf ein Kind warten, wäre es besonders belastend, ein Baby nach kurzer Zeit wieder abgeben zu müssen. Übergangspflegefamilien wissen dagegen von Anfang an, dass das Kind nur vorübergehend bei ihnen bleibt.
Wie lange ein Baby bei einer Übergangsfamilie bleibt, ist unterschiedlich. Im Durchschnitt sind es laut Rechenmacher rund 13 Monate, idealerweise wären es höchstens sechs.
Dass ein Baby möglichst rasch verlässliche Bezugspersonen bekommt, ist auch aus entwicklungspsychologischer Sicht wichtig. Eine konstante Bezugsperson sei essenziell für den Bindungsaufbau, sagt Karin Spychiger, klinische Psychologin bei Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (PACH). Eine verlässliche Bindung gehöre zu den wichtigsten Voraussetzungen für die spätere psychische Entwicklung.
Mit dem Anruf beginnt der Abschied
Bei dem jüngsten Pflegekind der Rüeggers zeichnet sich nach viereinhalb Monaten ab, dass es wohl nicht zu seinen Eltern zurückkehren wird. Nun läuft der Prozess für eine frühe Platzierung bei Adoptiveltern.
«Emotional ist es ein Verlust meines eigenen Kindes», sagt Simon Rüegger über den bevorstehenden Abschied. Auch wenn man von Anfang an wisse, dass das Baby nur vorübergehend bleibe, mache das im entscheidenden Moment keinen Unterschied. Trotzdem überwiege für ihn die andere Seite: «Ich glaube, es ist das wert, das zu machen.»
Jacqueline Rüegger beschäftigt besonders, dass auch das Baby seine bisherigen Bezugspersonen verliert. Für das Kind sei ein solcher Wechsel eine grosse Herausforderung, sagt Spychiger auf Anfrage. Deshalb müsse der Übergang sorgfältig vorbereitet und begleitet werden.
Wie Spychiger erklärt, besuchen die neuen Pflege- oder Adoptiveltern das Kind zunächst regelmässig und übernehmen schrittweise Aufgaben wie Wickeln, Baden oder Füttern. Gewohnte Abläufe und Rituale sollen nach Möglichkeit beibehalten werden. So treten die neuen Bezugspersonen zunehmend in den Vordergrund, während sich die Übergangspflegefamilie langsam zurückzieht.
Auch Vertrautes könne helfen, etwa ein Stofftier oder Nuschi mit bekanntem Geruch sowie Fotos und Erinnerungsstücke.
Aus Abschied wurde Freundschaft
Dass ein Abschied nicht zwingend das Ende bedeutet, zeigt eines der früheren Pflegekinder der Familie Rüegger.
Vor fünf Jahren kam ein Mädchen zu ihnen, nachdem seine Mutter rund um die Geburt überfordert gewesen war. Sieben Monate später konnte es zu ihr zurückkehren. Heute besucht das inzwischen fünfjährige Mädchen die Rüeggers noch immer regelmässig. Simon Rüegger ist ihr Götti.
Von den ersten fünf Übergangskindern der Familie sind drei zu ihren Eltern zurückgekehrt, eines kam in eine Pflegefamilie und eines zu Adoptiveltern.
Ob sie nach dem aktuellen Übergangspflegebaby erneut ein Kind aufnehmen werden, wollen Jacqueline und Simon Rüegger nicht fest versprechen. Doch wenn wieder ein Säugling einen Platz braucht, fällt ihnen das Nein schwer. Der Abschied tut weh – für sie überwiegt trotzdem der Gedanke, einem Baby einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.



