Dürre

«Diese Bäume sind im Überlebensmodus»: Schweizer Wald sieht schon im August aus wie im Herbst

Der Wald ist dieses Jahr schon im Sommer in herbstliche Farben getaucht. Was passiert da gerade? Unterwegs mit dem ETH-Professor Andreas Rigling.
Andreas Rigling ist Professor für Waldwachstum und globalen Wandel an der ETH. Er forscht seit Jahrzehnten zu Trockenheit im Wald.
Bild: Valentin Hehli

Wenn einer den Wald und seine Warnzeichen kennt, dann Andreas Rigling. Schon im Sommer vor sechs Jahren stand er hier im Säuliamt zwischen Zürich und Aarau und stapfte durch das Unterholz. «Das Gesicht des Schweizer Waldes wird sich in Zukunft stark verändern», sagte er dem Reporter dieser Zeitung und meinte damit, dass die Bestände von Buchen und vor allem von Fichten drastisch zurückgehen werden. Es ging schon damals um den Klimawandel, der dem Wald arg zusetzt, weil Hitze und Trockenheit gerade diese beiden Baumarten überlasten.

Rigling erinnerte sich an das bisherige Dürre-Rekordjahr 2018, als sich ganze Waldstücke viel zu früh rot verfärbten und die Buchen ihre Blätter verloren: «So etwas habe ich in diesem Ausmass vorher noch nie beobachtet.» Niemand wisse, sagte er, wie Bäume reagieren werden, wenn es noch wärmer und noch trockener wird. «Wir befinden uns an einem Ort, den wir so noch nicht kennen.»

Nun, sechs Jahre später, parkiert Rigling sein Auto am Waldrand und schreitet über ausgetrocknetes Gras auf eine Anhöhe zu. Von hier aus hat man eine schöne Aussicht auf die sanften Hügel des Zürcher Säuliamts. Am Hang gegenüber sind die Felder braun und die Kronen der Laubbäume rostrot. Das wäre hübsch anzusehen, wenn der Anblick nicht beunruhigen würde. Wenn es Oktober wäre, und nicht August. Rigling lässt den Blick schweifen und sagt: «Alle Befürchtungen, die wir vor sechs Jahren hatten, haben sich bewahrheitet.» Der Worst Case ist eingetroffen.

Schon zu Beginn des Sommers vergilbten hier erste Laubbäume. Die rostroten Flecken sind vorwiegend kriselnde Buchen.
Bild: Valentin Hehli
Für Andreas Rigling gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach dem extrem trockenen Jahr 2018.
Bild: Valentin Hehli
Zahlen des Bundes zeigen, dass die Trockenheit von 2026 wohl noch extremer ist als in anderen Rekordjahren.
Bild: Valentin Hehli

2026 wird wohl Dürre-Rekorde brechen

Andreas Rigling beschäftigt sich schon sein Leben lang mit dem Wald. Nach der Lehre als Forstwart studierte er Forstwissenschaften an der ETH, promovierte an der Universität Basel und arbeitete 29 Jahre lang an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. 2022 wechselte er als Professor für Waldwachstum und globalen Wandel an die ETH, wo er nun Vorlesungen hält, Masterarbeiten betreut und Forschungsprojekte leitet. Seine Arbeit konzentriert sich vor allem auf die Widerstandsfähigkeit des Waldes gegen den Klimawandel.

Herbstliche Farben mitten im Sommer: Was sich im Säuliamt gerade abspielt, lässt sich fast überall in der Schweiz beobachten. Im Jura und der Region Basel ist es noch trockener. Während die Laubbäume hier gelb, rot und braun sind, gibt es dort ganze Bestände, die schon alle Blätter abgeworfen haben. Die Situation ist vergleichbar mit jener im Jahr 2018. «Das war ein Augenöffner», sagt Rigling. «Was wir damals gesehen haben, hat es in den letzten hundert Jahren nur ganz, ganz vereinzelt gegeben.» Und allem Anschein nach wird 2026 die traurigen Rekorde von 2018 brechen.

Rigling veranschaulicht das mit einer Grafik, die er mitgebracht hat. Sie zeigt den Trockenheitsindex des Bundes im Jahresverlauf, aufgeschlüsselt nach Region. Jede Woche des Jahres erhält eine Farbe. Grün für «nicht trocken» bis Dunkelbraun für «extrem trocken». Vergleicht man 2018 mit 2026, fallen zwei Dinge auf: Erstens gibt es im 2026 schon jetzt mehr extrem trockene Wochen als im gesamten 2018. Und zweitens hat die Trockenheit heuer früher begonnen. «Sehr trocken» war es zum ersten Mal Ende April, im 2018 dagegen erst zwei Monate später.

Die Buche muss der Eiche weichen

Was das bedeutet, zeigt sich etwa auf dem Waldboden. Weil die Buchen ihre Blätter frühzeitig abwerfen, ist der Waldweg mit verdorrtem Laub übersät. Es knirscht unter Riglings Schuhsohlen. Bei genauerem Hinsehen liegen zwischen den braunen Blättern auch solche mit einer seltsam blassgrünen Farbe. «Das ist sehr aussergewöhnlich», sagt Rigling und hebt ein paar vom Boden auf. In einem normalen Herbst ziehen die Bäume langsam die Nährstoffe aus ihren Blättern und werfen sie irgendwann ab. Das hier ist anders. «Hier ist es viel schneller gegangen, eine klare Stressreaktion. Diese Buchen befinden sich im Überlebensmodus.»

Im Vergleich zu vor sechs Jahren verstehe die Forschung heute besser, warum ein Baum abstirbt und ein anderer sich gut halten kann, sagt Rigling. Die Buche hielt man für besonders resilient, weil sie viel Schatten verträgt und so andere Baumarten zurückgedrängt hat. So wurde sie zur dominanten Baumart in ganz Zentraleuropa. Das wird ihr jetzt zum Verhängnis: Gerade weil sie konkurrenzlos war, musste sie nie ein effizientes Wurzel- und Wasserleitungssystem entwickeln. Bei Trockenheit hat sie nun grosse Mühe, ihre Krone mit Wasser zu versorgen.

Die Fichte, die zweite dominante Baumart in der Schweiz und Europa, haben Försterinnen und Wissenschaftler mittlerweile abgeschrieben. Sie wird künftig höchstens noch in hohen Lagen vorkommen, wo es kühler ist und sich der Borkenkäfer nicht so krass vermehrt. «Im Mittelland gewinnt dafür die Eiche an Bedeutung», sagt Rigling. «Sie ist sehr trockenheitstolerant.» Wie zum Beweis steht vorne am Weg eine Eiche, gross und dunkelgrün mit dicken Ästen. Daneben eine verwelkte Buche. Auch andere Baumarten, die sonst im Wald selten anzutreffen sind, dürften das Gesicht des Schweizer Walds künftig prägen. Etwa die Linde oder die Elsbeere.

Zwischen braunen liegen auch grüne Buchenblätter auf dem Waldboden.
Bild: Valentin Hehli
Diese Buche hat ihren Blättern die Nährstoffe sehr schnell entzogen. Eine klare Stressreaktion.
Bild: Valentin Hehli
Ein eindrücklicher Kontrast: Die Eiche, links, ist noch grün. Die Buche daneben befindet sich im Überlebensmodus.
Bild: Valentin Hehli

Geht das so weiter, erholen sich die Wälder nicht

«Unsere Wälder werden sich massiv verändern», sagt Rigling. «Sie müssen.» Welche Baumarten sich durchsetzen, ist noch offen. Unumstritten ist, dass der Wald vielfältiger werden muss. Es braucht grosse, kleine, junge, alte, tote und lebende Bäume verschiedener Arten, damit ein Wald möglichst resilient gegen die Folgen des Klimawandels, gegen Waldbrände oder Schädlinge ist.

Die Schweiz ist dank ihrer Waldpolitik und dem fortschrittlichen Forstgesetz schon relativ weit. Förster sind hierzulande seit Jahrzehnten zu naturnahem Waldbau verpflichtet, Kahlschlag ist verboten, zu viele nicht-einheimische Baumarten auch. «So müssen wir weitermachen», sagt Rigling. «Und gleichzeitig das Konzept an den Klimawandel anpassen. Wir sprechen auch von ‹Waldbau 2.0›»

Die schlechte Nachricht: Es ist für Förster eine grosse Herausforderung, abzuschätzen, welche Bäume in welcher Kombination an welchem Standort auch in hundert Jahren noch funktionieren. Sie müssen dabei ja auch die Holzproduktion sicherstellen. Als klimafreundliches Baumaterial wird die Nachfrage immer grösser.

Dieser «Waldumbau» ist teuer und dauert Jahrzehnte. Er wird umso dringender, je häufiger und intensiver die Dürre-Jahre werden. «Was wir hier sehen», Rigling deutet auf die Blätter am Boden und die dürre Krone einer Buche, «ist nicht das Resultat von bloss einem trockenen Sommer. Sondern von einer Serie extremer Jahre. Seit der Jahrtausendwende hatten wir schon sechs davon. Wenn das so weitergeht, können sich die Wälder nicht mehr erholen.»