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Titanic

Titanic ist zugleich Stolz und Schande von Belfast

Die Titanic wurde zusammen mit ihren beiden Schwesterschiffen Olympic und Britannic bei Harlan & Wolff in Belfast (Nordirland) gebaut. Immer mehr der Original-Infrastruktur der Titanic-Werft wird jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich.

Dies nach langen Jahren des Verdrängens. Denn erst seit kurzem darf man in Belfast wieder erwähnen, dass die Titanic von hier kommt. Zu schwer lastete das Fanal des Unglücksschiffes auf der Seele der Stadt. Heute steht Belfast zu diesem Erbe, ja ist sogar stolz darauf. So wurde beispielsweise für den Bau der 46 000-Tonnen-Schiffe der Olympic-Klasse das damals grösste Trockendock der Welt errichtet, das heute noch vollumfänglich erhalten und sogar betriebsfähig ist.

Das Pumpenhaus mit drei dampfbetriebenen Hochdruckpumpen war in der Lage, das 85 Millionen Liter fassende Becken in weniger als zwei Stunden zu leeren. Der Endausbau der Titanic, der rund ein Jahr dauerte, wurde im Thomson Dry Dock vorgenommen. Alle technischen Einrichtungen von den 29 Dampfkesseln über die drei Schiffsschrauben bis zu zur Küche wurden hier eingebaut. Für den Innenausbau wurden feinste Materialien verwendet und sogar die Drittklass-Kabinen wiesen einen überdurchschnittlichen Standard aus.

Schiff oder Eisberg?

Gleich neben dem Trockendock stehen die Überreste der gigantischen Slipanlage, wo tausende Arbeiter gleichzeitig an den Schiffsrümpfen von Olympic und Titanic bauten. Von ihr steht heute nur noch das Fundament. Dafür wurde daneben Ende März das bisher grösste Titanic-Museum eröffnet. Der extravagante, 140 Mio. Fr. teure Bau ähnelt einem Schiffsrumpf - oder einem Eisberg, je nach Sichtweise. Im Museum werden insbesondere die Arbeit auf der Schiffswerft und das ganze sozioökonomische Umfeld minutiös dargestellt. Auf audiovisuellen Stationen können die hintersten technischen Details des Schiffs abgerufen werden. Eine „Sesselifahrt" führt virtuell durch die damals grösste Schiffswerft der Welt.

Eindrücklicher ist eine Filmtour durch die Decks der Titanic, vom Maschinenraum bis zur Brücke. Kabinen aller drei Klassen sind rekonstruiert, ebenso das berühmte Treppenhaus erster Klasse. Daneben gibt's jede Menge Infos über die Unglücksnacht, die Untersuchung der Havarie und ihre Auswirkungen auf die Schifffahrt, die Passagiere (darunter 19 mit Schweizer Bezug und 8 Schweizer Besatzungsmitglieder) und die Entdeckung des Wracks durch Robert Ballard im Jahr 1985.

Die Titanic sollte nicht das schnellste Schiff der Welt werden, aber das schönste. Nur eine der drei Antriebsstränge wurde mit der damals neuen Dampfturbinen-Technologie ausgestattet, die anderen zwei waren konventionelle Dampfmaschinen. Der Schiffsrumpf bestand aus mit über 3 Mio. Nieten zusammengefügten Metallplatten, die meisten 9 mal 1,8m gross; ebenfalls eine Technologie, die bald durch geschweisste Schiffskörper abgelöst werden sollte.

Infernalische Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen auf der Schiffswerft waren infernalisch. Kam ein Arbeiter ums Leben wurde die Familie mit einer Einmalzahlung von 12 Shilling entschädigt. Sie musste den Leichnam vor den Fabriktoren abholen. Mindestens 8 Menschen starben beim Bau der Titanic, was damals kein aussergewöhnlicher Blutzoll war.
Ganz erhalten sind ebenfalls die Konstruktionsbüros von Harland & Wolff, wo die Pläne der Titanic in riesigen Sälen gezeichnet wurden. Die Firma existiert übrigens heute noch, konzentriert sich aber auf Wartungsarbeiten und baut Windturbinen oder Gezeitenkraftwerke.

Im Herbst schliesslich soll die „Nomadic" eröffnet werden. Das letzte noch existierende Schiff der White Star Line fungierte als Passagierzubringer im Hafen von Cherbourg und wurde zusammen mit der Titanic gebaut. Nachdem „Nomadic" jahrelang ein Dasein als Restaurant auf der Seine in Paris fristete, wurde sie 2005 nach Belfast zurückgeführt und wird seither in ihren ursprünglichen Zustand zurückgebaut.