
In der Parteispitze der SVP gibt es Vorbehalte gegenüber Céline Amaudruz. Die Genfer Nationalrätin will Bundesrätin werden. Bisher fehlte allerdings ein Gegenkandidat aus der Romandie. Das ändert sich nun.
Am Donnerstagabend gibt die SVP des Kantons Bern bekannt: «Regierungspräsident Pierre Alain Schnegg hat mitgeteilt, dass er sich als Kandidat für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin zur Verfügung stellt.»
Pierre Alain Schnegg ist Bernjurassier französischer Muttersprache und wohnt in der Gemeinde Champoz. Er ist in der Berner Kantonsregierung seit 2016 für Gesundheit, Soziales und Integration zuständig. Im Dezember wird er 64. Es ist für ihn die letzte Gelegenheit für eine Bundesratskandidatur.
Eigenständiger Kurs in Sozial- und Gesundheitspolitik
Als Regierungsrat beschränkt sich Schnegg nicht darauf, seine Direktion zu verwalten – er stiess verschiedene Reformen an und erlangte dadurch nationale Bekanntheit. Er wollte die Sozialhilfe kürzen, wurde aber vom Berner Stimmvolk gestoppt. Bei vorläufig aufgenommenen Personen setzte er hingegen eine Reduktion durch.
Dass sich Erwerbsarbeit finanziell stärker lohnen muss als der Bezug von Sozialhilfe, gehört zu den Grundsätzen seiner Politik. Als Gesundheitsdirektor trieb er die Schaffung grösserer Versorgungsregionen und mehr ambulante Leistungen voran. Vorzeigemodell ist das Réseau de l'Arc im Berner Jura, an dem die Krankenkasse Visana Miteigentümerin ist.
Auch während der Pandemie fiel Schnegg mit einem eigenständigen Kurs auf. Zu Beginn setzte er sich für Einschränkungen ein und ging auf Konfrontationskurs mit seiner Partei, der SVP. Mit fortschreitender Dauer stellte er sich aber gegen zusätzliche Verschärfungen des Bundes und appellierte an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger.
Kommission kritisiert ihn ungewöhnlich scharf
Zuletzt geriet Schnegg in die Kritik: Die Geschäftsprüfungskommission des Berner Kantonsparlaments warf seiner Direktion im April 2026 in ungewohnt deutlichen Worten vor, dass sie bei Reformen die Gemeinden, Verbände und Leistungserbringer zu spät einbeziehe und deren Praxiswissen zu wenig berücksichtige. Auch Kommunikation, Transparenz und Verlässlichkeit seien mangelhaft. Die Kommission kritisierte weniger Schneggs Reformansätze als sein Vorgehen.

Wird ihn die SVP-Fraktion im Bundesparlament im November aufs Ticket setzen, um Céline Amaudruz auszubremsen und zugleich der Romandie entgegenzukommen? Die Berner SVP betont: Mit Schnegg stehe ein «erfahrener frankophoner Westschweizer Exekutivpolitiker» bereit, der sich mit hoher Führungskompetenz und Durchsetzungskraft einen Namen gemacht habe.
Schnegg gehört als gläubiger Christ einer evangelikalen Freikirche an. Der gelernte Kaufmann und Wirtschaftsinformatiker war Mitgründer und langjähriger Chef einer Softwarefirma sowie Verwaltungsratspräsident eines Spitals. Bis Mai 2027 ist Schnegg Berner Regierungspräsident – sofern er nicht im Januar in die Landesregierung wechselt.
