Niraj Acharya stammt aus Nepal und arbeitet seit 2009 als Experte für ländliche Infrastruktur bei der Hilfsorganisation Helvetas. Kurz vor seiner Abfahrt ins Katastrophengebiet gibt telefonisch aus Kathmandu einen Überblick zur Lage:
«Das Hochwasser ist inzwischen zurückgegangen und hat wieder ein normales Niveau erreicht. Die Regierung, die Sicherheitskräfte und andere Organisationen sind nun mit Such- und Rettungsarbeiten beschäftigt. Die grösste Herausforderung ist aber der Zugang zu den betroffenen Gebieten.
Viele Brücken wurden weggespült, mehr als 40 Kilometer Strasse sind vollständig zerstört. Viele Orte sind deshalb abgeschnitten. Hinzu kommt die Stromversorgung: Wasserkraftwerke – einige in Betrieb, andere noch im Bau – wurden schwer beschädigt oder weggespült. In vielen Gebieten gibt es überhaupt keinen Strom mehr.
Viele Menschen können nicht einmal ihre Mobiltelefone aufladen und deshalb kaum Kontakt zu ihren Familien halten. Heute Morgen habe ich mit einem Kollegen gesprochen, dessen Haus weggespült wurde und dessen Frau sich noch im betroffenen Gebiet befindet. Sie schaltet ihr Telefon jeweils nur für kurze Zeit ein, wenn sie mit ihrem Mann sprechen will, um Akku zu sparen.
Viele Menschen sind bei Verwandten untergekommen oder suchen Schutz in öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Verwaltungsgebäuden.
Ich hoffe, dass einige der Vermissten noch lebend gefunden werden. Einige könnten zum Beispiel in Tunneln von Wasserkraftanlagen eingeschlossen sein. Deshalb besteht durchaus noch Hoffnung auf einzelne Überlebende. Aber bei der Mehrheit der Vermissten fürchte ich, dass sie nicht mehr lebend gefunden werden.
Viele betroffene Gebiete können wir derzeit nicht erreichen. In den Hügelregionen könnte es aber alternative Wege und Pfade zu einzelnen Dörfern geben. Wir planen deshalb, noch heute oder morgen früh in die Region zu fahren und zu versuchen, weiter in die betroffenen Gebiete vorzudringen. Was die Menschen jetzt am dringendsten brauchen, sind Unterkünfte, Lebensmittel, sauberes Wasser und Strom.
Diese Flut wurde nicht durch Regen auf der nepalesischen Seite ausgelöst. Deshalb gehe ich derzeit nicht davon aus, dass es im Zusammenhang mit diesem Ereignis noch zu weiteren grösseren Überschwemmungen oder Erdrutschen kommt.
2021 gab es in einem anderen kleinen Tal eine ähnliche Überschwemmung. Aber im Vergleich zu dieser Katastrophe war sie sehr lokal begrenzt. Als ich gestern Videos aus der betroffenen Region gesehen habe, sagten Menschen dort, sie hätten in ihrem ganzen Leben noch nie eine solche Verwüstung erlebt.
Nach Berichten aus der Region stieg das Wasser stellenweise bis zu 270 Fuss, also fast 90 Meter, über den normalen Wasserstand. Das zeigt, welche Dimension diese Flut hatte.»

