Ausbildung

Zahl der Studierenden in Sozial- und Geisteswissenschaften hat sich seit 1980 verdreifacht

Erstmals liegt eine Analyse vor, die viele Klischees widerlegt – und den Jungen viel Pragmatismus bei der Studienwahl attestiert. Die Übersicht.
Die Schweizer Studierenden treffen die Wahl ihres Fachs pragmatischer als vielfach angenommen. Im Bild eine Vorlesung an der Universität Luzern.
Bild: Boris Bürgisser

3,3-mal mehr Studierende in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Die Zahl stieg von 18'000 Personen 1980 auf 59'300 Personen 2023. Die neue Analyse der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) zur Studienwahl hat das Potenzial, eine politische Debatte neu aufzuheizen: Viele Junge entscheiden sich für ein schöngeistiges Fach, wenn doch eigentlich Ingenieure, Informatikerinnen, Lehrer und Ärztinnen fehlen.

Tatsächlich widerlegt die Studie die Kritik teilweise. Das sind die Erkenntnisse.

Praxisnahe Studien setzen sich durch

Die Zahl der Geschichts- und Politikstudenten wächst nicht stetig. An universitären Hochschulen meldeten sich mit wenigen Ausnahmen jeden Sommer seit 2010 rund 5600 Personen für ein Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften an.

Gleichzeitig hat sich das Hochschulsystem zuletzt markant verändert: Seit der Akkreditierung der ersten Fachhochschulen 1997 wächst die Nachfrage nach praxisnahen Studienfächern wie Soziale Arbeit, Musik oder Design. Das führte zu höheren Studierendenzahlen. 2003 zählten die Fachhochschulen knapp 3000 Eintritte jährlich, zwanzig Jahre später sind es 4300.

Schliesslich ist die absolute Zahl der Studierenden im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zwar gestiegen, ihr Anteil an allen Studierenden aber gesunken. Im Studienjahr 2003 wählten 41 Prozent ein Fach in diesem Bereich. Heute sind es noch 29 Prozent.

Pragmatische Studienwahl

Aufgrund des Fachkräftemangels werben Wirtschaft, Kantone und auch der Bund seit Jahren für sogenannte MINT-Fächer, für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Beratungspersonen an den Universitäten sehen die MINT-Förderung allerdings nicht in direktem Zusammenhang mit dem schwindenden Interesse an Sozial- und Geisteswissenschaften.

In Interviews für die Studie erklärten die Experten: Jene, die ein starkes Interesse an den Geistes- und Sozialwissenschaften mitbringen und kein Faible für Naturwissenschaften haben, könnten mit der MINT-Förderung nicht abgeworben werden. Das sei allenfalls bei Personen mit breitem Interesse möglich.

Was aus den Interviews ebenfalls hervorgeht: Studierende machen sich häufig Gedanken zu den Berufsaussichten – und verzichten darum trotz Interesse auf ein Studium in einem geisteswissenschaftlichen Fach wie Philosophie, Sprachwissenschaften oder Geschichte. «In solchen Fällen entscheidet sich die Person dann häufig für Wirtschaft, weil es pragmatischer ist oder bessere Berufsaussichten verspricht», sagt eine Berufsberaterin. Wobei es eben ganz ohne Interesse am Fach auch nicht funktioniere. «Fünf Jahre in etwas zu investieren, das einen gar nicht interessiert, geht einfach nicht.»

Auch bei den Sozialwissenschaften schwindet das Interesse laut Beratungspersonen, allerdings weniger ausgeprägt. Zudem seien Psychologie, Sozial- oder Politikwissenschaften nach wie vor beliebte Fächer.

Streit um Relevanz der Geisteswissenschaften

Einzelne Beratungspersonen sehen die Studienleiter in der Pflicht, Geisteswissenschaften mit mehr Alltagsrelevanz und Praxisnähe auszugestalten. Gemäss Studie führen also auch Experten die Diskussion um die Sinnhaftigkeit dieser Fächer. Klassische Berufsfelder der Geistes- und Sozialwissenschaften würden durch Digitalisierung und KI gefährdet, sagen die einen. Die anderen betonen, dass in diesem Kontext die Fächer umso wichtiger werden. Geistes- und Sozialwissenschaften sollten die Entwicklung «guter Technologie» begleiten, wie eine Studienbegleiterin aus der Waadt sagt. «Wenn wir dort gut sind, werden wir gute Künstliche Intelligenz entwickeln.» Es brauche für gute Roboter aber die Verbindung zum Menschen. «Das sind keine getrennten Welten.»

Dass sich weiterhin viele Junge für Geistes- und Sozialwissenschaften entscheiden, hat aber weniger mit Weitsicht zu tun. Die Begeisterung für ein Fach steht im Vordergrund, gefolgt von Begabung und Fähigkeiten. Wobei bei Sozialwissenschaften insbesondere «Horizont erweitern» sowie weitere intrinsische Motive eine zentrale Rolle spielen. Viele schätzen überdies den Gestaltungsspielraum und die hohe Wahlfreiheit. Gleichzeitig schrecke dies viele Studierende auch ab.

Welche Fachgebiete sind heute noch populär?

Die Studierendenzahlen wuchsen in den letzten 20 Jahren vor allem in den Sozialwissenschaften: Sie haben sich mehr als vervierfacht. Besonders populär waren die Fächer Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre. Einen konstanten Anstieg verzeichnen seit Mitte der 1990er-Jahre auch die Studierendenzahlen in Wirtschaft und Jus, bei Letzterem allerdings weniger steil. Derweil sinkt oder stagniert das Interesse an Geschichte, Kultur-, Sprach- und Literaturwissenschaften.

Tiefer Ausländeranteil, hoher Frauenanteil

Der Frauenanteil an den Unis wächst konstant. Die Mehrheit der Studierenden ist weiblich: 52 Prozent. Nirgends ist der Anteil so hoch  wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften: 2023 lag er bei 70 Prozent. Zwar wählen immer mehr Frauen technische Wissenschaften (plus 24 Prozentpunkte) und Naturwissenschaften (plus 18 Prozentpunkte). Doch insgesamt sind sie immer noch in klarer Minderheit (32 bzw. 39 Prozent).

Gleichzeitig besuchen mehr Ausländerinnen und Ausländer Schweizer Unis. 1990 waren 9 Prozent der Studierenden ausländischer Herkunft, 2023 waren es 21 Prozent. Bei der Wahl sind weniger die jeweiligen Fachbereiche relevant als die geografische Lage und der Ruf der Schule. So ist der Ausländeranteil in Grenzregionen wie Genf und Lugano höher. Gemäss Studienberatung wählen internationale Studierende die Uni aufgrund ihres Rufs. Dabei steht die ETH Zürich an erster Stelle. Erleichtert werde die Wahl, weil in technischen Fächern Englisch als Sprache dominiere, wohingegen Geistes- und Sozialwissenschaften in der Landessprache unterrichtet werden.