Die Polizei ist unerwünscht: Teile der linksalternativen Szene in der Schweiz behandeln Vorwürfe sexualisierter Gewalt in eigenen Aufarbeitungsprozessen ausserhalb klassischer Strafverfahren. Dabei sollen Beschuldigte innerhalb des Kollektivs zur Verantwortung gezogen und das Umfeld mit einbezogen werden. Eine Recherche der «NZZ am Sonntag» zeigt nun, dass dieses Modell der transformativen Gerechtigkeit in verschiedenen Schweizer Kollektiven praktiziert wird und schon mehrfach dramatisch gescheitert ist.
Die Zeitung berichtet von einem Fall in Bern. Dort durfte ein Bewohner eines Wagenplatzes nach einem sexuellen Übergriff im Kollektiv bleiben, und es wurde ein interner Prozess gestartet; dann soll der Mann parallel dazu eine Vergewaltigung begangen haben. Einen weiteren solchen transformativen Prozess in der Innerschweiz wegen einer versuchten Vergewaltigung erklärten Beteiligte ebenfalls für gescheitert. Und in Zürich entbrannte ein Streit in der linksalternativen Szene, nachdem eine Person nach Vorwürfen sexueller Gewalt trotzdem an einem feministischen Streik hatte arbeiten dürfen.
Berufung zurückgezogen: Fall Sanija Ameti wird zu den Akten gelegt
Der Fall Sanija Ameti wird endgültig zu den Akten gelegt. Laut «SonntagsBlick» haben ihre Gegner um Mass-Voll-Chef Nicolas Rimoldi ihre Berufung gegen das Urteil wegen der Schüsse auf ein Marienbild überraschend zurückgezogen. Damit ist das Urteil rechtskräftig. Ameti muss wegen Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit 500 Franken Busse zahlen. «Ich bin enttäuscht, dass sich die Kläger nicht für die christlichen Werte einsetzen, wie sie es vorgegeben haben», sagt Ameti mit ironischem Unterton zu SonntagsBlick. Sie habe das Geld deshalb verdoppelt und zusätzlich 500 Euro an Papst Leo XIV. gespendet.
Nach Amoklauf in Aarau: 80 Prozent wollen Psychotest für Waffenbesitzer
Nach der tödlichen Schiesserei von Aarau ist eine Debatte darüber entbrannt, ob der Zugang zu Schusswaffen stärker eingeschränkt werden soll. Eine neue Tamedia-Umfrage, deren Resultate die «SonntagsZeitung» publiziert, zeigt: 70 Prozent der Bevölkerung wollen das Waffenrecht verschärfen. Noch deutlicher fällt das Resultat bei einer konkreten Massnahme aus. 80 Prozent verlangen ein psychologisches Attest für den Kauf und Besitz von Feuerwaffen. Die Forderung findet selbst unter SVP-Sympathisanten eine klare Mehrheit. Fachleute halten eine Überprüfung der persönlichen Eignung grundsätzlich für sinnvoll. Sie warnen aber vor übertriebenen Erwartungen: Psychische Erkrankungen allein erlauben keine zuverlässige Vorhersage schwerer Gewalttaten – und auch strengere Regeln könnten solche Taten nicht vollständig verhindern.
Die Dargebotene Hand setzt neu auf einen KI-Bot
Die Chat-Beratung der Dargebotenen Hand wird von Anfragen überflutet. «Wir können nur etwa ein Drittel davon beantworten», sagt Eva Haussmann, Fachleiterin Online der Dargebotenen Hand in Zürich, in der «NZZ am Sonntag». Nun setzt sie neu auf einen Bot, mit dem die Ratsuchenden chatten können, wenn keine Berater frei sind. Sie greift dafür auf eine in Finnland entwickelte Technologie zurück, die bereits von der finnischen Beratungsplattform für Jugendliche Sekasin eingesetzt wird. Die Schweiz ist erst das zweite europäische Land, das damit Erfahrungen sammelt. Die Dargebotene Hand liess den Bot so anpassen, dass er auch Erwachsene anspricht und auf maximale Distanz setzt, damit keine gefährliche Abhängigkeit von einem Bot entsteht.
Marisa Tschopp forscht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und bei der Cybersicherheitsfirma Scip AG zur Interaktion von Mensch und künstlicher Intelligenz. Die Psychologin kann gut verstehen, dass die Dargebotene Hand KI zu Hilfe nimmt: «Wir haben schlicht zu viele Menschen mit Problemen und zu wenig Menschen, die ihnen helfen», sagt sie. In vielen Fällen könne ein Bot wie ein «digitaler Schnuller» wirken, der Betroffene vorerst beruhige, sagt sie in der «NZZ am Sonntag». (has)


