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Feuerprobe im Sonnenberg-Bunker

Ein Zeitzeuge sagt: «Im Ernstfall wären wir sowieso aufgeschmissen gewesen»

Zeitzeuge Philipp Schweizer erinnert sich an die Übung «Ameise» von 1987 in der Zivilschutzanlage Sonnenberg. Seither misstraut er auch dem Schutz heutiger Bunker.

Mit der Übung «Ameise» von 1987 wurde der Aufbau von Massenquartieren in den Tunnelröhren geprobt. Philipp Schweizer war damals als Zivilschützer im Sonnenbergtunnel im Einsatz. Parallel dazu dokumentierte er den fünftägigen Einsatz als Reporter der «Luzerner Neusten Nachrichten» in einem Tagebuch. Er bezeichnete sich und seine Kameraden als Ameisen, die im Sonnenbergtunnel-Haufen herumschwirrten. Ein Gespräch zur Erinnerung.

Philipp Schweizer war damals als Zivilschützer während der Übung «Ameise» im Sonnenbergtunnel dabei.
Bild: Stefan Peter

Wenn Sie an 1987 zurückdenken, in welcher Zeit befand sich die Schweiz damals?

Philipp Schweizer: Es herrschte damals immer noch das Klima des Kalten Kriegs, obwohl mit Michail Gorbatschows Reformpolitik die Zeichen bereits etwas auf Öffnung standen. Auch der weltpolitische Wandel war damals unvorstellbar, genauso wie der Fall der Mauer. Auch in der Schweiz baute Armee und Zivilschutz noch immer auf dem Bedrohungsszenario «wenn der Russe kommt» auf. Der Bau der Bunkeranlage im Sonnenberg war ursprünglich geprägt von der Angst aus dem Zweiten Weltkrieg. Es war ja auch diese Generation, die den Bau absegnete.

Wovor sollte dieser Bunker konkret schützen?

Vor allem vor einem Atomschlag. Falls irgendwo eine Atombombe fällt, gehen die Leute in den Bunker, die Luftfilter laufen, die Betontore schliessen den Tunnel. Das Problem war: Die Übung «Ameise» zeigte, dass es drei Tage dauert, bis ein solches Tor geschlossen ist. Im Ernstfall wären wir sowieso aufgeschmissen gewesen.

Also war die Zivilschutzanlage Sonnenberg im Ernstfall nutzlos?

Ja, davon bin ich überzeugt. Und das lag nicht primär an der Ingenieursleistung. Das Bauwerk an sich ist beeindruckend. Das Problem war die Organisation. Man wollte testen, wie schnell man Betten, WC, Duschen aufstellen kann. Aber vieles blieb Theorie.

Inwiefern?

Die Zivilschutzorganisation war massiv überfordert. Es gab keine echte Befehlsgewalt. Viele Zivilschützer waren unmotiviert. Die Pläne, die man hatte, konnte man nicht umsetzen. Wir hatten fünf Tage, um die Tunnelröhren für 20'000 Menschen einzurichten. Wir sind weit weniger als in die Hälfte gekommen. Und länger konnte man den Tunnel nicht sperren wegen des Verkehrs.

Wie sah der Alltag während der Übung «Ameise» 1987 aus?

Viel Leerlauf. Leute lagen auf Liegen, rauchten, tranken Kaffee. Das Essen war gut, die Küche machte wahrscheinlich den besten Job. Es gab sogar Kneipen im Tunnel. Aber viele wussten schlicht nicht, was sie tun sollten.

Sie haben damals als Reporter für die Luzerner Neuste Nachrichten Tagebuch geführt.

Ich habe direkt im Tunnel geschrieben, mit einem der ersten tragbaren Computer und einem Akustikmodem. Nach meiner Schicht am späten Abend übermittelte ich meine Artikel an die LNN. Meine Texte haben Wellen geschlagen. Wir organisierten eine Umfrage zur Akzeptanz des Zivilschutzes in der Bevölkerung. Diese fiel sehr tief aus, auch weil man das Angstszenario aus dem Kalten Krieg nicht mehr aufrecht halten konnte. Im Innern war der Körper des Zivilschutzes völlig schwach.

Philipp Schweizer hielt seine Beobachtungen während der Übung in einem Tagebuch fest und veröffentlichte es in der Zeitung Luzerner Neuste Nachrichten.
Bild: Philipp Schweizer

Was irritiert Sie am meisten am damaligen Zivilschutz?

Das Schutzversprechen. Man hat Milliarden investiert, nicht nur in den Sonnenberg, sondern auch in private Schutzräume. Doch den Schutz konnte man nicht bieten. Für die Trägheit von Zivilschützern gab es kaum Konsequenzen, keine echte Verbindlichkeit. Auch die Verantwortlchen - es war eine Laientruppe vom Feinsten. Mit solch einer Struktur sollte man im Ernstfall 20'000 Menschen schützen. Das war eine Illusion.

Zweifeln Sie auch daran, dass der Schutz in den heutigen Zivilschutzbunkern funktioniert?

Aufgrund meiner Erfahrung bin ich nach wie vor sehr unsicher. Selbst wenn es rechnerisch für jede Person einen Platz gäbe, weiss ich nicht, ob dieser im Ernstfall überhaupt eingesetzt würde. Ob die Leute wissen, wo sie tatsächlich hinmüssen, ob der Bunker dicht ist. Ob es funktionieren würde, lässt sich erst beurteilen, wenn es tatsächlich so weit ist.

Dieser Beitrag gehört zur Diplomarbeit von Nuria Langenkamp am Institut für Journalismus und Kommunikation (MAZ) in Luzern.

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