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Gastbeitrag von Bundesrätin Karin Keller-Sutter 

So lange, wie es uns braucht, werden wir helfen

Ein Kommentar zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Ein Tag, der uns Gelegenheit gibt, uns auf den Segen zu besinnen.

«Jenseits und diesseits der Meere brennen alte und neue Kriegsflammen fort, Flammen des Bürgerkrieges und des Völkerhasses, welche als erschütternde Beispiele davon zeugen, wie nah uns noch mitten in unserm Jahrhundert alle Greuel der rohen Gewalttat und Vernichtung stehen.»

Das schrieb Gottfried Keller 1863 ins Bettagsmandat des Kantons Zürich, in den Brief des Regierungsrats an die Bevölkerung zum Dank-, Buss- und Bettag. Damals wütete in Nordamerika der Sezessionskrieg und in Europa schlug Russland einen polnischen Aufstand nieder. Seit dem 24. Februar sind die eindringlichen Worte Gottfried Kellers wieder hochaktuell. Erschüttert müssen wir feststellen, «wie nah uns noch alle Greuel der rohen Gewalttat und Vernichtung stehen».

Wir lesen seither Schlagzeilen und sehen Bilder, wie wir sie kaum mehr für möglich gehalten haben. Wir sehen russische Panzer, die durch Städte rollen, die unseren Städten gleichen. Wir sehen Millionen Menschen, die eine Autoreise von uns entfernt aus ihrer Heimat fliehen müssen – auch zu uns.

Es sind Bilder, die ohnmächtig machen. Im Frühling habe ich in der «Tagesschau» eine Frau gesehen, die in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel am wöchentlichen Friedensgebet für die Ukraine teilgenommen hat. Sie sagte: «Mir tut es gut, etwas machen zu können, weil ich oft das Gefühl habe, ich könne fast nichts machen.» Ich kann das gut verstehen. Es ist wichtig, dass jede und jeder auf seine Art einen Weg sucht, um «etwas machen» zu können und sich aus der Ohnmacht zu befreien.

Viele Menschen in der Schweiz haben einen Weg gefunden. Sie nehmen Schutzsuchende bei sich zuhause auf oder unterstützen sie im Alltag. Sie geben ihnen Arbeit, sie spenden Geld, Kleider – oder auch einfach Trost. Das ist gelebte christliche Nächstenliebe.

Wir können auch dankbar sein. «Uns selbst hat die Vorsehung diesen Frieden bis dahin gnädig bewahrt», schrieb Gottfried Keller 1863. Er rief damit in Erinnerung: Frieden ist ein Segen und keine Selbstverständlichkeit. Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag gibt uns Gelegenheit, uns auf diesen Segen zu besinnen.

Der Bettag ist kein kirchlicher, sondern ein religiös-politischer Feiertag: Es war der Kanton Aargau, der 1831 in der Tagsatzung beantragte, den Bettag in der Schweiz am gleichen Tag und damit gemeinsam, über die konfessionellen Gräben hinweg zu feiern. Er wollte damit das «allgemeine Nationalgefühl» beleben. Seit 1832 begehen wir den Bettag darum am dritten Sonntag im September.

1848 zeigte der Sonderbundskrieg, dass man vom erhofften Nationalgefühl noch weit entfernt war. Erst die Gründung des modernen Bundesstaats legte das Fundament für ein friedliches Zusammenleben. Der Kulturkampf tobte zwar weiter und das Zusammenwachsen zu einer Nation brauchte Zeit. Aber der Friede war beständig.

Und er versetzt uns in die Lage, den Menschen zu helfen, die vor dem Krieg in der Ukraine flüchten müssen. Als zustän­dige Bundesrätin bin ich dankbar dafür, dass sich die Schweizer Bevölkerung mit ihnen solidarisch zeigt. Dass sie ihr Herz und ihre Türen geöffnet hat. Ohne diesen Beitrag wären die Aufgaben für die Behörden kaum zu bewältigen.

Auch den Landeskirchen, dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und anderen Glaubensgemeinschaften bin ich dankbar, dass sie für die Menschen da sind. Für die Schutzsuchenden aus der Ukraine, aber auch für notleidende Menschen in der Schweiz und alle Menschen, die in schwierigen Zeiten wie diesen Halt und Trost suchen. «Die Kirchen denken in Jahrhunderten und Jahrtausenden. Das heisst, wir werden es so lange machen, wie es uns braucht.» Das sagte der Leiter der Offenen Kirche Elisabethen im Frühjahr in der «Tagesschau» auf die Frage, wie lange es das Friedensgebet in Basel noch geben werde.

Gleiches gilt für uns, für unsere Hilfe und für den kommenden Wiederaufbau der Ukraine: Wir werden es so lange tun, wie es uns braucht.

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Dank-, Buss- und Bettag.