Gesundheit

Schweizer Patienten fehlen Medikamente: Trumps Preispolitik zeigt Wirkung

Der US-Druck auf Medikamentenpreise ist am Pharmastandort Schweiz angekommen: Anstatt den lukrativsten Medikamenten Rabatte abzuringen, um das Prämienwachstum zu drosseln, zieht die Politik nun in eine andere Richtung.

Die Pharmafirmen haben einen Etappensieg errungen. Nach Anhörungen der Branche verlangen Gesundheitspolitiker des National- und Ständerats, die Umsetzung des Kostendämpfungspakets zu sistieren. Sie wollen die umstrittenen Rabatte auf umsatzstarke Medikamente herauszögern. Der Bund schätzt, dass sich durch die Massnahme etwa 350 Millionen Franken an Prämiengeldern sparen liessen. Dafür müssten die Hersteller von rund 100 erfolgreichen Arzneimitteln ab einer gewissen Umsatzschwelle einen Rabatt an die Krankenkassen zurückerstatten.

Betroffen sind nebst dem umsatzstärksten Krebsmedikament Keytruda des US-Herstellers Merck, das 2024 über 167 Millionen Franken in der Schweiz erwirtschaftete, auch Präparate der Schweizer Firmen Roche und Novartis. Auch sie müssten laut Schätzungen von Helsana mehrere Millionen Franken für ihr jeweils umsatzstärkstes Medikament zurückgeben.

Zugang zu Medikamenten schwindet bereits

Das war der Plan. Nun hat nach der Gesundheitskommission des Nationalrats auch jene des Ständerats entschieden, diese Rabatte aufzuschieben. Konkret verlangen sie, die Resultate der Arbeitsgruppe «Lifesciences-Standort» abzuwarten, der Bundesrat soll die Verordnungen entsprechend der Erkenntnisse überarbeiten – und den Zugang zu innovativen Medikamenten auch für die Zukunft sichern.

Es findet ein Umdenken statt. Und das kommt nicht von ungefähr. Die USA üben mit ihrer Preispolitik massiven Druck auf den Schweizer Pharmastandort aus. Darum hat der Bundesrat die Arbeitsgruppe «Lifesciences-Standort» eingesetzt.

Die Ausgangslage ist verzwickt: Die USA wollen die Preise im eigenen Land senken, das heisst, sie an Preise in vergleichbaren Ländern anpassen. Zur Preisbildung wird auch die Schweiz als Referenzland beigezogen. Weil die hiesigen Medikamentenpreise kaufkraftbereinigt tief sind, drückt das die Preise in den USA. Das ist selbstredend ein unerwünschter Effekt für die Pharmahersteller, die in den USA nicht nur einen hohen Umsatz, sondern auch rund die Hälfte des Gewinns erzielen.

Das neue Preismodell der USA zeigt bereits Wirkung. Interpharma, der Verband der forschenden Pharmaindustrie, hat eine Umfrage unter den Mitgliedsfirmen gemacht. Das Resultat: Jedes dritte neue Arzneimittel wird nicht zur Vergütung durch die Krankenkassen eingereicht. Bei sieben von insgesamt 22 neuen Arzneimitteln haben die Hersteller keine Aufnahme in die Spezialitätenliste beantragt. Nur Medikamente auf dieser Liste werden von den Krankenkassen vergütet. Bei drei weiteren haben die Firmen sogar darauf verzichtet, sie bei der Zulassungsbehörde Swissmedic anzumelden.

Die Folgen sind laut Interpharma schwerwiegend: Patientinnen und Patienten in der Schweiz haben bei einem Drittel aller neu entwickelten, innovativen Arzneimittel keinen direkten Zugang mehr. Ein aktuelles Beispiel dazu liefert der «Tages-Anzeiger»: In Amerika ist ein neues Krebsmedikament auf dem Markt, das bei metastasierendem Bauchspeicheldrüsenkrebs eingesetzt wird und die durchschnittliche Lebenserwartung verdoppeln könnte. Für die Schweiz wurde keine Zulassung beantragt, weil der Hersteller einen Abschlag auf den US-Preis von 40'000 Dollar pro Monat befürchtet, wenn es in der Schweiz zu einem tieferen Preis verfügbar wäre.

Kein Aufschub auf Sankt-Nimmerleinstag

Für Schweizer Patientinnen und Patienten soll das Medikament erst in zwei Jahren verfügbar sein. Wer hingegen genügend Geld hat, kann das Medikament womöglich selbst besorgen. Interpharma warnt deswegen vor einer Zweiklassenmedizin.

Ob die Pharma die Rabatte auf bereits zugelassene, umsatzstarke Medikamente auch langfristig verhindern kann, ist indes nicht entschieden. FDP-Ständerat Josef Dittli, der den Antrag ins Parlament brachte, sagt: «Ich verstehe die grosse Unsicherheit, mit der die Hersteller konfrontiert sind.» Die Umsetzung aufzuschieben, bis mehr Gewissheit vorliege, sei daher sinnvoll. Doch: «Die Rabatte sind entschieden, sie stehen im Gesetz», so Dittli. «Ich erwarte, dass sie auch umgesetzt werden.»

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