
Von wegen Dichtestress und Wohnungsnot: Die Schweizer Wohnbevölkerung sei mit ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden. Ebenso ist gemäss einer neuen Umfrage eine Mehrheit der Bevölkerung, anders, als politisch oft suggeriert, offen für weitere Verdichtung - also mehr Leute auf engerem Raum, mit geteilten Spielplätzen, Waschmaschinen oder Grünflächen.
Die Umfrage in Auftrag gegeben hat die Migros. Das Gottlieb-Duttweiler-Institut hat dafür insgesamt über 2000 zufällig ausgewählte Personen aus der ganzen Schweiz zu ihrer Wohnzufriedenheit sowie zu verschiedenen Verdichtungsstrategien befragt. Dabei stellte sich heraus: Drei von vier Befragten sind mit ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden. In der Stadt ist dieser Anteil etwas kleiner als auf dem Land, mit fast 70 Prozent aber immer noch sehr hoch.
Ja zur Verdichtung...
Eine Mehrheit der Befragten gibt an, dass sie an ihrem aktuellen Wohnort auch in zehn Jahren noch gerne leben würde. Gleichzeitig hielt mehr als die Hälfte der Befragten auch regelmässig Ausschau nach neuen Wohnungen und ist umzugswillig, sollte sich etwas Besseres finden lassen. Ausschlaggebend dafür, welchen Wohnort sie wählen, sind gemäss Umfrage insbesondere eine langfristige Perspektive, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und eine ruhige Lage.
Etwas überraschender: Ein grosser Teil der Bevölkerung ist offenbar offen für Verdichtungsmassnahmen. So stimmen 78 Prozent der Befragten zumindest teilweise zu, dass es bei einer wachsenden Bevölkerung auch Veränderungen im Wohnraum brauche. Auch auf dem Land gibt es dafür eine solide Mehrheit von 76 Prozent.
Wenn verdichtet werden soll, dann aber vor allem in den Städten. Auch da sind sich die Städter und Landbewohnerinnen weitgehend einig, wenn auch nicht ganz ausgewogen. Wer in der Stadt wohnt, sieht mehr Verdichtungsmöglichkeiten auf dem Land als umgekehrt.
Besonders hoch ist die Einigkeit in Stadt und Land, wenn es um die Umnutzung von bestehenden Bürogebäuden geht. Fast 80 Prozent der Befragten sehen eine solche Umgestaltung positiv. Ebenfalls einig ist man sich bezüglich Umzonungen: Drei Viertel lehnen Überbauungen auf landwirtschaftlichen Flächen teilweise oder ganz ab.
...aber nicht vor der eigenen Haustür
Je konkreter die Massnahme, desto weniger stimmen ihr zu – auch in den Städten. Insbesondere vor der eigenen Haustür. Den Neubau höherer Mehrfamilienhäuser in der eigenen Nachbarschaft lehnen etwa 39 Prozent der Befragten ab. Noch mehr, fast die Hälfte der Befragten, wären gegen das Aufstocken ihres Wohngebäudes.
Noch tiefer sinkt die Bereitschaft für Veränderungen, wenn es um die eigenen vier Wände und geteilte Alltagsgegenstände geht. So wäre gerade mal eine von fünf befragten Personen bereit, ihr Auto mit anderen Menschen in der Nachbarschaft zu teilen. Geteilten Wohnraum, etwa mit einem vermieteten Zimmer oder in Form einer Wohngemeinschaft, kann sich nur jede sechste Person vorstellen. Zwei Drittel der Befragten schliessen eine solche gemeinschaftliche Nutzung von Räumen ganz aus.
Diese sinkende Zustimmung ist erwartbar. Eine Mehrheit der Befragten steht der Verdichtung zwar theoretisch positiv gegenüber. In ihren Quartieren befürchtet sie aber mehr Lärm, mehr Abfall und höhere Mieten. Die Autoren der Umfrage haben deshalb ebenfalls erfragt, wie sich diese Befürchtungen ausräumen liessen. Eine Mehrheit wünscht sich bei dichterem Wohnraum eine Kompensation durch mehr Grünflächen, weniger Verkehr und bezahlbare Wohnungen. Mit solchen Massnahmen werde Verdichtung gesellschaftlich akzeptiert, schreiben die Autoren - auch abseits vom politischen Diskurs.