
Die Schweizerinnen und Schweizer blicken so pessimistisch auf die Weltlage wie kaum zuvor. Das Sicherheitsgefühl im Land ist auf den tiefsten Stand seit über zwanzig Jahren gefallen. Dazu hält eine klare Mehrheit an der Neutralität fest und unterstützt weiterhin eine starke Armee. Das zeigt die neue ETH-Studie «Sicherheit 2026», die am Donnerstag veröffentlicht wurde.
Für die Studie befragten die Militärakademie (Milak) und das Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich im Januar 2089 Stimmberechtigte in allen Sprachregionen der Schweiz. Geprägt worden seien die Antworten durch den anhaltenden Krieg in der Ukraine, die internationalen Spannungen sowie die neue US-Aussenpolitik unter Präsident Donald Trump, schreiben die Autoren. Das aktuelle Meinungsbild sei ähnlich wie in den Neunzigerjahren, sagte Studienautor Tibor Szvircsev Tresch am Donnerstagmorgen vor den Medien.
Wenig Vertrauen in die Welt, viel in die Schweiz
Nur noch 13 Prozent der Befragten beurteilen die weltpolitische Lage optimistisch. Noch nie seit Einführung der Frage vor elf Jahren sei dieser Wert so tief gewesen. Gleichzeitig fühlen sich lediglich 82 Prozent der Bevölkerung «eher» oder «sehr» sicher – vier Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Besonders markant ist der Rückgang beim Anteil jener Personen, die sich «sehr sicher» fühlen.
Auch der Optimismus für die Zukunft der Schweiz hat deutlich abgenommen. Nur noch 62 Prozent der Stimmberechtigten blicken positiv auf die kommenden fünf Jahre – der tiefste Wert seit der Jahrtausendwende. Die Studienautoren sprechen von einer «Multikrise», welche die Wahrnehmung der Bevölkerung beeinflusse: Krieg in Europa, Spannungen im Nahen Osten, Unsicherheit über die Rolle der USA und Debatten über die Schweizer Sicherheitspolitik.
Trotz der pessimistischen Stimmung bleibt das Vertrauen in die Schweizer Institutionen stabil. Am meisten Vertrauen geniessen Wissenschaft und Polizei, gefolgt von Gerichten, Bundesrat und Wirtschaft. Wenig Vertrauen erhalten dagegen politische Parteien und Medien. Die «Künstliche Intelligenz» schneidet mit Abstand am schlechtesten ab.
Umfrage mit politischer Bedeutung
Mehrere Befunde der Studie spielen eine Rolle in aktuellen politischen Debatten. In der Aussenpolitik etwa zeigt sich ein differenziertes Bild. Eine grosse Mehrheit von 79 Prozent befürwortet weiterhin eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, lehnt aber einen EU-Beitritt ab. Nur 19 Prozent würden einen vorbehaltlosen Beitritt unterstützen. Gleichzeitig spricht sich eine Mehrheit von 56 Prozent für eine Annäherung an die Nato aus – der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen. Ein eigentlicher Nato-Beitritt bleibt jedoch mit 32 Prozent Zustimmung klar eine Minderheitsposition.
Die Neutralität bleibt ein zentraler Pfeiler des Schweizer Selbstverständnisses. 85 Prozent wollen am Neutralitätsprinzip festhalten. Gleichzeitig wird dessen sicherheitspolitische Wirkung zunehmend kritischer beurteilt. So sind 59 Prozent der Ansicht, die bewaffnete Neutralität könne heute militärisch nicht mehr glaubhaft verteidigt werden. 43 Prozent glauben sogar, ein europäisches Verteidigungsbündnis würde mehr Sicherheit bringen als die Neutralität – ein Höchstwert in der langjährigen Studie. Das bedeutet insbesondere schlechte Nachrichten für die Neutralitätsinitiative der SVP.
Bei Finanzen ist die Schweiz gespalten wie das Parlament
Die Unterstützung für die Armee bleibt hoch. 83 Prozent halten sie für notwendig – einer der höchsten Werte seit dem Ende des Kalten Kriegs. Fast neun von zehn Befragten wünschen sich eine «sehr gut ausgebildete» Armee. Gleichzeitig ist die Bevölkerung bei den Verteidigungsausgaben gespalten: 29 Prozent finden, die Schweiz gebe zu wenig Geld für die Landesverteidigung aus – so viele wie noch nie.
Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch: 71 Prozent der Befragten wollen der Armee weniger oder zumindest nicht mehr Geld sprechen. Diese drei Lager sind in der Schweizer Bevölkerung mittlerweile fast gleich stark. Eine Pattsituation, die sich auch im Bundeshaus spiegelt, wo die Armeefinanzen seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs ein Thema ohne wirklichen Fortschritt darstellen.
Auffällig ist ausserdem die hohe Bereitschaft zur Landesverteidigung. 78 Prozent der Befragten sind der Meinung, die Schweiz müsse sich im Angriffsfall mit Waffen verteidigen. Fast die Hälfte würde nach eigenen Angaben selbst zur Waffe greifen. Noch grösser ist die Bereitschaft zur zivilen Unterstützung: 85 Prozent würden etwa Verwundete transportieren, Lebensmittel liefern oder Evakuationen unterstützen.
