
Die Trockenheit in der Schweiz hält an. Die Gewitter anfangs dieser Woche haben keine wirkliche Linderung gebracht. Gemäss dem aktuellen Trockenheitsbulletin des Bundes vom Donnerstag sind 26 von 38 Regionen «extrem trocken», zwei weitere «sehr trocken».
Auf der Alpennordseite liegt die Niederschlagsmenge der letzten drei Monate zwischen 45 und 61 Prozent unter den Normwerten. Längere Niederschlagsphasen sind keine in Sicht. Der Bund rechnet deshalb mit einer Verschärfung der Situation.
Die Trockenheit wird auch auf den Alpen zum Problem. Ihre Wasserversorgung ist zunehmend in Gefahr. Vor kurzem wählte der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband (SAV) deutliche Worte. In einem Communiqué forderte er die Alpbetreiberinnen und -betreiber «dringend dazu auf, ihre Infrastruktur zu überdenken». Mit Blick auf die vergangenen Trockenjahre warnte der SAV davor, dass «selbst traditionell niederschlagsreiche Alpgebiete in Wassernot geraten» können.
Forscher konstatiert «eine gewisse Sorglosigkeit»
Zur angespannten Lage auf den Alpen tragen neben dem fehlenden Niederschlag der letzten Monate die geringen Schneemengen des vergangenen Winters und Frühjahrs bei, erläutert Gebirgshydrologe Manfred Stähli vom Eidgenössischen Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).
Im Gegensatz zur Landwirtschaft im Mittelland sei die Wasserversorgung von Alpbetrieben viel stärker von kurzfristigen Veränderungen abhängig. «Auf Alpen, wo man jahrelang keine Probleme mit der Wasserversorgung hatte, ist das teilweise wohl in Vergessenheit geraten und es hat sich eine gewisse Sorglosigkeit breitgemacht», sagt Stähli.
Die Forschung zeige aber eindeutig, dass man sich im Alpenraum auf das häufigere Auftreten dieser Ausgangslage, kombiniert mit längeren Trockenperioden im Sommer, einstellen müsse. Das könne dazu führen, dass Quellen, die lange Jahre zuverlässig Wasser geliefert haben, versiegen und Bäche austrocknen.
«Staat muss Alpbetreibern unter die Arme greifen»
Als Präsident des SAV ist der Berner SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh gewissermassen der oberste Älpler der Schweiz. Seine Tiere verbringen den Sommer auf der Ueschinenalp ob Kandersteg, einem der grössten Alpwirtschaftsbetriebe der Schweiz mit eigener Käserei.
«Auf den Alpen spüren wir den Klimawandel eindeutig», sagt Wandfluh. Dieser zeige sich insbesondere durch die früher einsetzende Sommertrockenheit, verbunden mit geringeren Schneemengen und einer früheren Schneeschmelze: «Das macht die Versorgung mit Wasser zunehmend herausfordernder», so Wandfluh.
Um diese sicherzustellen, müsse man neue Wege gehen, sagt der Berner SVP-Nationalrat. Er denkt an Speicherseen, wie sie in Skigebieten für den Kunstschnee angelegt werden. «Dafür müssen die Bewilligungsverfahren vereinfacht werden und gegebenenfalls der Landschaftsschutz zurückstehen.» Angesichts der «unbestrittenen positiven Effekte» der Alpwirtschaft für Tourismus, Landschaftsbild, Biodiversität und Landesversorgung sei das angebracht.
Doch wie so oft in der Landwirtschaftspolitik geht es auch ums Geld. Massnahmen zur Sicherstellung der Wasserversorgung wie neue Quellfassungen, Reservoirs oder Zisternen seien aufwendig, teuer und gerade für kleinere Alpbetriebe finanziell nicht tragbar.
«Hier muss der Staat den Alpbetreibern unter die Arme greifen», fordert Ernst Wandfluh. Er verlangt mehr nicht rückzahlbare Beiträge sowie eine Aufstockung der Mittel im «Fonds de Roulement» des Bundes für die Landwirtschaft. Über diesen können Landwirtinnen und Landwirte zinslose oder zinsgünstige Darlehen für Strukturmassnahmen sowie als Starthilfe bei Betriebsübernahmen beziehen.
Im Juni hatten die Landwirtschaftsvertreter im Parlament versucht, bei der Beratung des Mercosur-Freihandelsabkommens eine Aufstockung des Fonds de Roulement zu erreichen. Sie präsentierten die Forderung als Abfederung der zollfreien Importe von Nahrungsmitteln aus Südamerika. Sie liefen damit jedoch auf. Am Ende lehnte eine Mehrheit aus SVP, bauernnahen Mitte-Politikern und Linksgrün das Freihandelsabkommen ab.
Die Liquidität des Fonds hat schneller als erwartet abgenommen und ist gemäss Bund im laufenden Jahr aufgebraucht. Der Bund hat den Anwendungsbereich erweitert, was die bewilligten Gesuche in den letzten Jahren ansteigen liess, ohne dem Fonds entsprechend mehr Mittel zuzuführen.
Dieser Liquiditätsengpass hat konkrete Auswirkungen. Im Januar verfügte der Bundesrat eine Kürzung der Investitionskredite sowie der Fristen zur Rückzahlung. Aufgrund der fehlenden Mittel gibt es in mehreren Kantonen Wartefristen von mehreren Jahren bis zur Auszahlung des Kredits.
Diese Ausgangslage erklärt die Dringlichkeit des Appells des Alpwirtschaftlichen Verbands an die Alpbetreiber. Für sinnvolle Investitionen in die Wasserversorgung brauche es Langzeitbeobachtungen von zwei bis drei Jahren, schreibt der SAV. Wenn dann noch jahrelang auf die Finanzierung gewartet werden muss, drohen die Alpsommer noch trockener zu werden.