
Vor vier Jahren hiess es plötzlich: «duschen statt baden», «Treppen steigen statt Lift fahren». Die Sorgen waren damals gross, dass im Nachgang des Angriffs Russlands auf die Ukraine der Strom im Winter knapp werden könnte. Der Bund investierte Unsummen in Reservekraftwerke und drohte mit Verboten für «nicht absolut notwendige energieintensive Geräte» – wie etwa Saunas, Leuchtreklamen oder Rolltreppen.
Die Menschen gingen derweil lieber auf Nummer sicher und horteten zuhause Bargeld. Denn schon damals war allen klar: Fällt der Strom aus, funktioniert auch der elektronische Zahlungsverkehr und der Bargeldbezug nicht mehr.
Oder anders gesagt: Ohne Strom braucht es Münzen und Nötli, um den Migros-Einkauf zu begleichen oder den Tank zu füllen. Plötzlich können lebenswichtige Güter wie Lebensmittel, Medikamente oder Treibstoffe nicht mehr gekauft werden.
Vier Jahre später sind die Ängste verschwunden, viele haben mittlerweile ihre Bargeldreserve wieder abgebaut oder zurück zur Bank gebracht. Das fundamentale Problem hingegen ist nicht gelöst.
Der Bund und die Nationalbank haben deshalb zusammen mit den involvierten Branchen, also den Banken, Zahlungsdienstleistern wie Visa oder Mastercard und dem Detailhandel, nach einer praktikablen Lösung gesucht – und eine typisch schweizerische Antwort gefunden: eine «freiwillige Branchenlösung», bei der ohne staatliche Eingriffe und Verbote aber letztlich alle mitmachen oder mitmachen müssen. Diese wurde dann am Montagnachmittag in Bern im Beisein von Bundespräsident Guy Parmelin, Nationalbank-Präsident Martin Schlegel und Roland Pfister, dem Delegierten für wirtschaftliche Landesversorgung, «lanciert».
Parmelin betonte in seiner Rede vor allem das «freiwillige Engagement». Dieses beweise, dass Staat, Wirtschaft und Nationalbank bereit seien, vorauszuschauen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Der Zahlungsverkehr sei das Rückgrat der Volkswirtschaft, betonte Schlegel. «Ohne geht überhaupt nichts.» Die gefundene Lösung bezeichnet er dementsprechend als «Meilenstein».
Es lebe die Plastikkarte
Versagt das Strom- oder Kommunikationsnetz, sollen neu auch Offline-Kartenzahlungen möglich sein. Diese zusätzliche Option wird «schrittweise» umgesetzt und soll spätestens bis Ende 2027 «breit eingeführt» sein. So jedenfalls lautet das Ziel. Damit kann in Zukunft eine Zahlung auch ohne bestehende Datenverbindung durchgeführt werden. Das Terminal, also das Kartenlesegerät, speichert die Transaktion lokal und übermittelt sie, sobald die Verbindung wieder verfügbar ist. Erst dann erfolgen die Verarbeitung und die Belastung des Kartenkontos.
Hierfür müssen die bestehenden Lesegeräte neu konfiguriert werden. Der Einsatz von Offline-Kartenzahlungen wird im Notfall nicht von oben, etwa vom Bundesrat oder der Nationalbank, befohlen, sondern erfolgt «automatisch», sobald das Netz ausfällt. Entsprechend müsse die Bevölkerung auch nicht «informiert» werden. Das sei «weder erforderlich noch praktikabel», heisst es beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung.
Allerdings gibt es für die Konsumenten ein paar Einschränkungen. Für Offline-Kartenzahlung braucht es eine inländische Debit- oder Kreditkarte aus Plastik. Diese muss ins Terminal gesteckt und mit der Eingabe des PIN-Codes validiert werden. Kontaktlose Zahlungen sowie mobile Bezahlverfahren, etwa mit Handy oder Smartwatch, werden im Offline-Betrieb nicht unterstützt. Damit ist klar: Im Notfall funktioniert auch die hierzulande beliebte Twint-App nicht mehr.
Einschränkungen und Bezugslimiten
Nebst diesen aus Sicherheitsüberlegungen eingeführten technischen Auflagen gibt es noch weitere Einschränkungen. So sind etwa Offline-Kartenzahlungen hinsichtlich Betrag und Anzahl begrenzt, wobei die konkrete Höhe geheim bleibt und je nach Karten- und Terminaleinstellung variieren kann. Damit wollen die Banken und die Kartenherausgeber die Missbrauchs- und Ausfallrisiken begrenzen. «Die konkreten Limiten werden nicht öffentlich kommuniziert», heisst es beim Bund. Die Limiten seien jedoch so ausgestaltet, dass der Grundbedarf an lebenswichtigen Gütern für mehrere Tage oder rund eine Woche gedeckt werden könne.
Weiter ist die besagte Notfall-Lösung nur auf den Kauf «lebenswichtiger Güter» beschränkt. Das heisst, sie gilt ausschliesslich für Detailhändler, die Lebensmittel, Medikamente oder Treibstoff anbieten. Mit dabei sind natürlich Coop und Migros, ohne die eine Branchenlösung gar nicht möglich wäre. Angeschlossen haben sich unter anderem auch die Discounter Denner, Aldi und Lidl sowie die grossen Tankstellenbetreiber wie Volenergy oder Agrola. Weitere Anbieter dürfen sich anschliessen.
Die Offline-Kartenzahlungen sollen das Bargeld nicht ersetzen, sondern nur «ergänzen», wie Nationalbank-Präsident Schlegel betonte. Es sei der Mix aus Bargeld und elektronischem Zahlungsverkehr, der das System resilienter mache. Denn die Terminals benötigen auch für Offline-Kartenzahlungen Strom. Diesen beziehen sie beim Blackout von einem Akku oder einem Generator. Funktionieren die Ersatzlösungen nicht, gibt es auch keine Offline-Kartenzahlungen. «Gerade in Notsituationen wie einem flächendeckenden Stromausfall ist Bargeld sehr wichtig, um noch Einkäufe tätigen zu können», heisst es beim Bund. «Vorausgesetzt, die Geschäfte sind dann noch geöffnet.» Oder anders gesagt: Das Bargeld bleibt der Notfallplan zum Notfallplan.
Die Schweizer Lösung ist keine Weltneuheit, werden doch Offline-Kartenzahlungen bereits in Schweden eingesetzt. Zudem führen weitere nordeuropäische Länder wie Finnland, Norwegen und Estland derzeit entsprechende Lösungen ein. Aber immerhin: Die Schweiz sei das erste Land in Zentraleuropa mit einer breit abgestützten Lösung zur Stärkung der Resilienz des elektronischen Zahlungsverkehrs, heisst es beim Bund.




