Gastbeitrag zum Schulstart

Wurzeln geben Flügel – oder was die Schule leisten muss

In einer Zeit, in der Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Schule tiefgreifend verändern, erklärt der ausgebildete Sekundar- und Gymnasiallehrer Carl Bossard, woraus Selbstständigkeit, Urteilskraft und Zukunftsfähigkeit überhaupt wachsen.
Lernen für ein ganzes Leben: Der erste Schultag steht für Tausende Kinder vor der Tür.
Bild: Keystone

In diesen Tagen stehen wieder Tausende Kinder vor einem Schulhaus. Manche greifen noch nach der Hand ihrer Mutter oder ihres Vaters, andere eilen schon mutig voraus. Alle tragen einen Schulsack – und viele Erwartungen. Für sie beginnt ein Weg, dessen Ziel niemand genau kennt. Das ist auch nicht nötig. Entscheidend ist vielmehr: Was muss Schule Kindern ermöglichen, damit sie einmal ihren eigenen Lern- und Lebensweg gehen können?

Wir führen heute Debatten über Bildungsziele. Über Kompetenzen, Digitalisierung, Selbstständigkeit oder künstliche Intelligenz. Das alles ist wichtig. Doch wir sprechen erstaunlich selten über die Voraussetzungen, aus denen diese Ziele überhaupt wachsen. Nicht: Was sollen Kinder einmal können? Sondern: Woraus wächst, was wir später mit Recht von ihnen erwarten dürfen? Genau dort beginnt die eigentliche Bildungsfrage.

Wir wünschen uns selbstständige junge Menschen, die Verantwortung übernehmen, kritisch denken und sich in einer Welt im rasanten Wandel dereinst zurechtfinden. Das sind berechtigte Ziele. Doch Ziele sind noch keine Voraussetzungen. Wir verlangen Selbstständigkeit, bevor sie wachsen konnte. Wir erwarten Urteilskraft, bevor Denken eingeübt wurde. Wir fordern Flexibilität, bevor Kinder jenen Halt gefunden haben, der sie überhaupt erst beweglich macht. Ohne Halt trägt Freiheit nicht. Vielleicht liegt gerade darin eine Schwäche unserer Bildungsdebatte: Unser Blick richtet sich ständig auf Ziele. Kaum auf den Boden, auf dem sie entstehen.

Diese Frage entscheidet sich nicht in bildungspolitischen Programmen. Sie entscheidet sich Tag für Tag im Unterricht. Der Schulalltag erzählt eine andere Geschichte. Vor Kurzem besuchte ich eine Unterrichtsstunde. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten selbstständig an einer anspruchsvollen Aufgabe. Jeder für sich. Dabei beobachtete ich einen Schüler. Er begann, stockte und wusste nicht weiter. Die Lehrerin setzte sich zu ihm. Sie löste die Aufgabe nicht. Sie stellte zwei Fragen, gab einen kleinen Hinweis – und ging wieder. Wenige Minuten später arbeitete der Junge konzentriert weiter. Nicht, weil die Aufgabe einfacher geworden wäre. Sondern weil jemand ihm genau jene Unterstützung gegeben hatte, die ihm den nächsten Schritt ermöglichte.

Wer einmal erlebt hat, dass eigenes Denken trägt, gewinnt Vertrauen in sich selbst. So erfahren Kinder: Denken kann wachsen – Schritt für Schritt. Selbstständigkeit entsteht selten allein. Denn Freiheit ist kein Anfang, sondern ein Ergebnis. Sie wächst dort, wo Unterstützung den nächsten eigenen Schritt ermöglicht.

Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung künstlicher Intelligenz. Sie verändert den Bildungsauftrag nicht; sie macht ihn anspruchsvoller. Maschinen liefern Antworten. Menschen müssen lernen, sie zu beurteilen. Denken können Maschinen nicht ersetzen. Gefährlich wird es erst, wenn wir selbst die Übung des Denkens aufgeben. Deshalb wird Urteilskraft zur Schlüsselkompetenz der Zukunft. Doch sie entsteht nicht auf Knopfdruck. Sie will immer wieder neu geübt werden.

Deshalb führt auch der Gegensatz zwischen Digitalisierung und bewährter Bildung in die Irre. Digitale Werkzeuge eröffnen neue Möglichkeiten. Aber sie ersetzen weder das sorgfältige Lesen noch das geduldige Ringen um Sprache oder den gemeinsamen Austausch im Klassenzimmer. Die eigentliche Alternative lautet nicht digital oder analog. Sie lautet: oberflächliche Information oder vertieftes Denken.

Zum Beginn des neuen Schuljahres lohnt sich eine einfache Erinnerung. Schule bereitet Kinder nicht zuerst auf Prüfungen oder Berufe vor. Sie schafft die Voraussetzungen, aus denen Bildungsziele wachsen: damit junge Menschen denken, urteilen und Verantwortung lernen. Erst daraus wächst, was wir später mit Recht von ihnen erwarten dürfen.

Schule weist Kindern nicht ihren Lern- und Lebensweg. Aber sie kann ihnen den Mut geben, ihn selbst zu gehen. Wenn in diesen Tagen Kinder wieder ihre Schultaschen schultern, beginnt mehr als ein neues Schuljahr. Es beginnt ein neuer Abschnitt ihres Lebens. Wohin ihr Weg sie einmal führen wird, weiss wohl niemand. Vielleicht beginnt Bildung bis heute genau dort, wo ein Kind erlebt: Jemand traut mir den nächsten Schritt zu.