Gastbeitrag

Schöne Kühltürme, sicherer Strom: Warum die Schweiz die Kernenergie braucht

Auf eine sichere Stromversorgung ist die Schweiz angewiesen. Darum sollte sie sich für die Zukunft alle Optionen offenhalten.

Wer nach Südfrankreich reist, dem empfehle ich einen Besuch der Fondation Vasarely in Aix-en-Provence. Das von Victor Vasarely entworfene Gebäude ist für sich ein Hingucker. Neben eindrücklichen Installationen, Kunstwerken und Informationen zum Leben und Wirken des Künstlers gibt es dort weitere Entdeckungen zu machen. Beispielsweise Bilder von Projekten zur Verschönerung der Kühltürme von Kernkraftwerken.

Die Entwürfe sind im typischen Vasarely-Stil gezeichnet: riesige geometrische Raster, die mit der Wölbung der Türme spielen. So schön könnten Kühltürme sein! Die Zeichnungen waren nicht nur eine Auftragsarbeit für einen französischen Energieversorger, sondern auch ein Bekenntnis des Künstlers zur Kernenergie. Diese betrachtete er als Symbol des technischen Fortschritts. Dabei sah er Frankreich in einer weltweiten Schlacht um Kernenergie. 1980 schrieb er: «Si la France gagne sa propre bataille nucléaire énergétique, elle sera victorieuse dans le monde entier».

Gewiss, da war viel Pathos im Spiel. Aber auch nüchtern betrachtet muss man heute feststellen, dass Frankreich die Kernenergie erfolgreich vorangetrieben hat und auf diesem Gebiet zur Weltspitze gehört. Davon profitiert auch die Schweiz, indem sie Strom aus dem westlichen Nachbarland importieren kann. Die Bedeutung dieser Importe wurde uns spätestens im Jahr 2022 vor Augen geführt, als viele französische Kernkraftwerke gleichzeitig in Revision war.

Fragwürdige Abschaltung von Mühleberg

Zusammen mit weiteren Faktoren wie der europäischen Gaskrise und der Trockenheit führte dies hierzulande zu einem Anstieg der Strompreise. Dies belastete nicht nur das Portemonnaie der Bevölkerung, sondern brachte auch unzählige KMU in existenzielle Nöte.

Im Dezember 2019 wurde das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz genommen. Es war technisch noch voll funktionsfähig und sicher betreibbar. Und nicht nur das: Im Jahr seiner Abschaltung wies es laut Betreibergesellschaft sogar den «höchsten Stand der Technik in seiner Geschichte» auf.

Drei Jahre nach der Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg griff in der Schweiz die Sorge um die Energie-Versorgungssicherheit um sich. Der Bund präsentierte einen Massnahmenplan, der Verwendungsbeschränkungen und Verbote, Kontingentierungen sowie als ultima ratio sogar Netzabschaltungen vorsieht. Kaum jemand hätte sich vorstellen können, dass wir uns in der Schweiz je einmal mit derart dramatischen Massnahmen auseinandersetzen müssten. Strommangel? Pläne für Netzabschaltungen? Vielleicht in einem Drittweltland, aber in der Schweiz? Nie und nimmer!

Die Kernenergie ist nebst der Wasser-, Solar- und Windenergie ein wichtiger Bestandteil eines breit abgestützten Strom-Mixes. Weil sie nicht vom Wetter abhängig ist, kommt der Kernenergie quasi die Rolle einer CO2-freien Versicherung zu. Eine solche Versicherung bietet sich auch in Zukunft an. Dies zeigt nicht zuletzt ein Blick auf den stockenden Ausbau der erneuerbaren Energien.

Viele Einsprachen gegen Ausbau von Solar-, Wind- und Wasserkraft

Es ist richtig, dass die erneuerbaren Energien weiter vorangetrieben werden. Es darf aber auch nicht ignoriert werden, dass der Ausbau von Solar-, Wind- und Wasserkraft auf teils vehementen Widerstand bei Teilen der Bevölkerung und bei Umweltschützern stösst. Eine Beschränkung auf diese Formen der Energieproduktion wäre mit entsprechenden Risiken verbunden.

Im Jahr 2017 herrschte die Meinung vor, die Schweiz könne künftig auf Kernkraft verzichten. Vor diesem Hintergrund wurde das Neubauverbot für Kernkraftwerke erlassen. Seither haben sich aber die Zeichen gemehrt, dass zumindest die Option zum Bau neuer Kernkraftwerke als Versicherung wichtig bleibt. Auch eine künftige Integration in den europäischen Strommarkt kann unser Land nicht von der Verantwortung entbinden, selbst für diese Versicherung zu sorgen.

Zugegeben: Im Hitzesommer sahen wir auch Nachteile bei Kernkraftwerken mit Durchlaufkühlung, welche die Abwärme in einen Fluss leiten. Sie mussten die Leistung reduzieren, weil sonst das Flusswasser zu warm geworden wäre. Letztlich spricht aber auch dies für Kühltürme. Man muss sie nicht gerade mit mittelalterlichen Kathedralen vergleichen, wie Victor Vasarely es tat. Wer aber erfahren will, wie man solche Türme verschönern könnte, erfährt dies in der Ausstellung in Aix-en-Provence.

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