
Aarau darf aufatmen. Rund 22 Stunden nach der tödlichen Schiesserei an einer Rave-Party im Schachen in der Nacht auf Sonntag wurde ein 43-jähriger Schweizer verhaftet. Er steht unter dringendem Tatverdacht, am Sonntagmorgen um 2.30 Uhr mit einer Pistole und einem Sturmgewehr auf die Gäste der Technoparty auf dem Gelände der Aarauer Pferderennbahn geschossen zu haben. Dabei kam eine 22‑jährige Italienerin ums Leben, vier Schweizer und eine Deutsche wurden verletzt – teilweise schwer. Später soll er gemäss Augenzeugen auch auf Fahrende geschossen haben, die sich in der Nähe des Veranstaltungsortes auf einem kantonalen Standplatz aufhielten.
Die Festnahme fand in der Nacht auf Montag kurz vor 1 Uhr statt. Die Kantonspolizei Aargau teilte am Montagmittag mit, dass sie «zum aktuellen Zeitpunkt» davon ausgehe, dass der mutmassliche Täter alleine gehandelt habe.
«Das ging schnell», ordnet der ehemalige Basler Kriminalkommissar Markus Melzl den Fahndungserfolg ein. Der 74-Jährige kennt solche Fälle aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung bei der Kriminalpolizei. Sein Ermittlerinstinkt sagt ihm: «Es war wahrscheinlich kein Terrorakt, und auch keine gezielte Tötung.»
Ein Terrorist wäre auf maximalen Schaden aus gewesen, sagt Melzl. Die Schüsse fielen aber erst, als die meisten Raver das Gelände schon verlassen hatten. Die Veranstalter rechneten im Vorfeld mit 2500 Gästen. Wie viele tatsächlich vor Ort waren, ist unklar.
Die Kalaschnikow und die 9-Millimeter-Pistole, die der Täter benutzt hatte, seien gängige Waffen, sagt Melzl. Damit lasse sich in einer Menge im Dunkeln kaum präzise auf ein bewegendes Ziel schiessen. «Ich halte momentan die Hypothese ‹Amok› für am wahrscheinlichsten. Aber das ist nur eine Vermutung.»
Polizei informiert erst am Mittwoch wieder
Wo der Tatverdächtige festgenommen wurde, geht nicht aus der Medienmitteilung der Kantonspolizei Aargau hervor. Auch nicht, welche Polizei ihn wie gefasst hat. Melzl rechnet damit, dass die Kapo Aargau diese und weitere Details zum Täter am Mittwoch kommunizieren wird. Sie hat auf 14 Uhr eine Pressekonferenz zu den neuesten Erkenntnissen angekündigt.
Klar sein dürfte laut Melzl, dass sich der Verdächtige mittlerweile in Gewahrsam der Kriminalpolizei Aargau in Aarau befindet. Innert 48 Stunden nach der Festnahme muss die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Untersuchungshaft beim Zwangsmassnahmengericht stellen.
Bis am Mittwoch müssen sich jetzt also alle gedulden, die dringend Klarheit möchten: Wer ist der Täter? Warum hat er in die Menge geschossen und eine junge Frau getötet sowie fünf weitere Personen verletzt? Was war seine Absicht? Und wie geht es jetzt weiter?
Dass die Polizei diese Informationen zurückhält, dürfte ermittlungstaktische Gründe haben, meint Melzl. Möglicherweise wolle sie Ruhe schaffen, damit sie sorgfältig arbeiten könne. Sie gehe zwar von einem Einzeltäter aus. Zum aktuellen Zeitpunkt lasse sich aber nie ganz ausschliessen, dass es weitere Involvierte gab. Daher rühre die Devise: Lieber wenig als zu viel preisgeben. «Man hört nicht so schnell auf, nach weiteren Tätern zu fahnden», sagt Melzl.
Immerhin: Die Bevölkerung darf die Festnahme als gutes Zeichen deuten. Der schreckliche Spuk des Wochenendes ist wohl vorbei. «Es ist beruhigend, zu wissen, dass die Polizei gute Arbeit geleistet hat», sagt Melzl. Wäre die Polizei zu unsicher, dass es sich beim Festgenommenen um den Täter handelt, hätte sie den Fahndungserfolg wohl nicht kommuniziert, mutmasst der ehemalige Kriminalkommissar.

Die Fahndung braucht vor allem: Viel Aufwand
Bei Fahndungen verhält es sich ähnlich wie bei der Suche nach Vermissten: Je mehr Zeit verstreicht, desto kleiner wird die Chance, die entsprechende Person zu finden. Darum scheuen die Polizeien insbesondere am Anfang einer Fahndung keinen Aufwand, sagt Melzl.
Üblicherweise läuft das so ab: Die Polizei erhält die Meldung einer Schiesserei. Sie schickt mehrere Patrouillen zum Tatort, welche die Lage einschätzen. Sie melden der Einsatzzentrale, was sie vorfinden, und die Einsatzzentrale bietet weitere Beamte auf, etwa Verstärkung oder die Kriminalpolizei mit der Spurensicherung. Sie richten eine Sammelstelle und einen Kommandoposten ein, jemand übernimmt die Einsatzleitung und beginnt zu protokollieren. «So kommt Struktur ins Chaos», sagt Melzl. Ordnung schaffen: Das ist eine Grundfähigkeit, die sämtliche Einsatzkräfte in ihrer Ausbildung erlernen.
Bei Einsätzen im Dunkeln wird Licht gemacht, die Musik abgestellt und die potenziellen Zeugen werden via Megafon gebeten, auf dem Areal zu bleiben. Bei einem flüchtigen Täter werden die Kantonspolizeien und die Grenzwache verständigt sowie die Polizeiposten im grenznahen Ausland. So läuft innert kurzer Zeit eine Maschinerie an, die darauf spezialisiert ist, die Nadel im Heuhaufen zu finden.
Aufschlussreich dürften im vorliegenden Fall die Aussagen der Fahrenden gewesen sein, die den Täter gesehen haben – und die mit dem Leben davonkamen, obwohl er auf sie schoss. «Diese Zeugen lieferten bestimmt wichtige Anhaltspunkte für die Fahndung», sagt Melzl. Ausschlaggebend könne aber auch jedes andere Indiz gewesen sein. Zu den Fragen, denen die Polizei sicher als Erstes nachging, gehören etwa: Ist der Täter polizeibekannt? Ein Gefährder, ein Querulant? Eine andere Piste wäre: Haben die Veranstalter des Raves Drohungen erhalten? Haben sie Schulden, haben sie Feinde?
«Das macht etwas mit den Leuten»
Was mit dem Verdächtigen nun in Polizeigewahrsam genau passiert, ist nicht bekannt. Melzl kennt aber die Abläufe, die in der Regel greifen. Zuerst sichern die Forensiker der Kriminalpolizei Spuren: Am Körper, der Kleidung und an den Händen. Hat die festgenommene Person etwa kürzlich eine Waffe abgefeuert, finden sich Rückstände des Pulverdampfs aus den Patronenhülsen an den Fingern. Gleichzeitig durchleuchtet die Polizei das Leben des Verdächtigen nach möglichen Vorstrafen und versucht, herauszufinden, ob es eine Verbindung zu den Opfern gibt. Sie durchsucht seine Wohnung, beschlagnahmt Datenträger und sucht nach der Tatwaffe. Sie wertet die Aufnahmen von Überwachungskameras aus.
Sind genügend Indizien zusammengetragen, wird der Verdächtige mit den Vorwürfen konfrontiert. Er erhält einen Pflichtverteidiger zugeteilt. Dann wird er verhört. Folgt später das Zwangsmassnahmengericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, wird der Beschuldigte in Untersuchungshaft genommen und die Ermittlungen werden fortgesetzt. Im Rahmen derer werden möglicherweise psychiatrische Gutachten erstellt oder seine Handydaten ausgewertet.
Markus Melzl stellt der Polizei für ihre Arbeit ein gutes Zeugnis aus: Schnell, professionell und nachvollziehbar. Doch auch wenn die grösste Gefahr nun beseitigt ist, weiss Melzl aus Erfahrung: «Das macht etwas mit den Leuten. Es bleibt das unangenehme Gefühl, besonders vorsichtig sein zu müssen.» An kommenden Grossveranstaltungen werden die Geschehnisse dieses Wochenendes nachhallen.
Wie die Verantwortlichen für Sicherheit sorgen, wird sich zeigen. Melzl vergleicht die Situation mit den Weihnachtsmärkten nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 2016. Die Poller, die ein Auto davon abhalten sollen, in die Menge zu fahren, gehören noch nicht so lange zur Grundausstattung. Also: Aarauerinnen und Aarauer können aufatmen. Aber das Unbehagen - es bleibt wohl noch eine Weile ihr Begleiter.
