Technologie

KI frisst Strom und Wasser: Jetzt formiert sich der Widerstand

Aktivisten bekämpfen in der Region Schaffhausen den Bau von Rechenzentren und deren Verschleiss an Trinkwasser und Strom. Die Polizei löst ihr Protest-Camp zwar auf, nicht aber den wachsenden Widerstand.
Mitglieder der Gruppe «Aufstände der Allmende» sprechen an ihrer Medienkonferenz vor der Baustelle des Datencenters in Beringen.
Bild: Andreas Becker

Der Ort für die Medienkonferenz des Kollektivs «Aufstände der Allmende» war gut gewählt. Direkt hinter den Aktivistinnen und Aktivisten, die ihre Gesichter mit Schals und Masken verbergen, ist eines der kontroversesten Bauvorhaben im Kanton Schaffhausen zu sehen: die Baustelle des Rechenzentrums in Beringen. Bauherrin ist die US-Firma Stack Infrastructure, die auf der ganzen Welt Rechenzentren baut. Die Baustelle ist massiv gesichert, mit hohen Zäunen, Kameras und Zugangsbeschränkungen – und diese Tage zusätzlich von der Schaffhauser Polizei.

Die Aktivistinnen und Aktivisten halten selbst gebastelte Kartonschilder in die Pressekameras: «Kein Trinkwasser für Tech-Oligarchen» steht darauf, oder «KI kurzschliessen». Für sie stehe KI für Ausbeutung und Klimakrise, sagt einer aus der Gruppe. Das Wasser, mit dem die Rechenzentren ihre Anlagen kühlen, bräuchte der «sehr trockene Kanton Schaffhausen» viel dringender anderswo. «Die Region, zu der Beringen gehört, hat mit der Klimakrise künftig gewaltige Wasserprobleme.»

Die Pressekonferenz fand am Freitag statt, nachdem die Polizei das Protestcamp des Kollektivs «Aufstände der Allmende», kurz AdA, am Donnerstag geräumt hatte. Die AdA hatten im rund zehn Autominuten entfernten Benken ZH ein Lager geplant, als Protestaktion gegen den Bau von Datencentern in der Region. Auf dem Grundstück eines Bauern, der damit einverstanden war, hätten vom 2. bis 9. Juli Workshops und Diskussionsrunden rund um künstliche Intelligenz und deren gesellschaftliche Auswirkungen stattfinden sollen. Daneben standen Filmabende oder Baden im Rhein auf dem Programm, und ein Workshop, in dem Wissen über Vermummung an Protesten geteilt worden wäre.

In selbstgebastelten Masken aus Elektroschrott geben Aktivistinnen den Medien über ihr Vorhaben Auskunft.
Bild: Andreas Becker

Protest-Camp geräumt und wieder aufgebaut

Die Organisatoren teilten den Standort des Camps bewusst erst am Donnerstagmittag mit. Doch es dauerte keine Stunde, da waren schon erste Polizeiwagen vor Ort. Und es wurden rasch mehr. Das grosse Aufgebot der Kantonspolizei Zürich bestand aus zivilen und uniformierten Einsatzkräften. Teilweise maskiert gingen sie mit Hunden ins Gelände und kontrollierten die Anwesenden. Sie kreisten die Aktivistinnen und Aktivisten ein. Die Mediensprecherin der AdA sagte: «Gegen 14.30 Uhr trieben Polizistinnen und Polizisten, begleitet von Hunden und Drohnen, die Teilnehmenden zusammen und führten Personenkontrollen durch.»

Die Polizei begründete den Einsatz mit der fehlenden Bewilligung. Für ein solches Camp sei die Zustimmung der Gemeinde erforderlich, sagte die Sprecherin der Kantonspolizei Zürich. Man habe klären wollen, «wer da ist und was hier geschieht», und deshalb Personenkontrollen durchgeführt. Die Polizei setzte dem Kollektiv eine Frist, um das Camp zu räumen.

Die Aktivistinnen und Aktivisten zeigten sich enttäuscht, waren auf kurzfristige Planänderungen aber wohl vorbereitet: Sie passten das Programm kurzerhand an, verlegten einen Teil der Vorträge und Workshops in ein alternatives Schaffhauser Lokal und bauten das Camp schliesslich im deutschen Tengen wieder auf, nahe der Schweizer Grenze. Dieses Mal haben sie es bei den Behörden angemeldet, wie in den Telegram-Chats der Gruppe zu lesen ist. Und: «Solange in der Region Schaffhausen Datenzentren gebaut werden, wird es hier Widerstand geben!»

Bevor das Widerstandscamp in Benken fertig aufgebaut war, mussten die Aktivistinnen und Aktivisten es wieder abbauen.
Bild: Roger Hofstetter
Die Kantonspolizei Zürich räumte das Camp mit einem Grossaufgebot - darunter mit Zivilpolizisten (vorne) und mit Hunden (hinten).
Bild: Roger Hofstetter

Unbehagen gegen KI wächst

Das Unbehagen gegen die sich rasant ausbreitende künstliche Intelligenz wird immer grösser. Für viele Menschen überwiegen die negativen Konsequenzen der KI mittlerweile ihren Nutzen: Sie gefährdet Arbeitsplätze, müllt das Internet mit belanglosen Inhalten zu, und nährt sich ohne Berechtigung an Informationen, die ihr nicht gehören. Die Tech-Unternehmen stellen sie weltweit Firmen und Staaten zur Verfügung, um Menschen zu überwachen und Krieg zu führen.

Wirklich fassbar ist KI jedoch nicht. Diese Algorithmen existieren vor allem in der virtuellen Welt. Wie die menschliche Intelligenz ist aber auch die künstliche Intelligenz an einen Körper gebunden. Auch sie braucht Organe zum Leben. Organe, die in ihrem Fall nicht Herz, Hirn und Lunge heissen, sondern Server, Router und Speicher. Sie sind nicht in einem Körper aus Fleisch und Blut eingeschlossen, sondern in riesigen Hallen aus Stahl und Beton.

Rechenzentren sind keine Neuerscheinung. Sie sind das physische Rückgrat des gesamten Internets, nicht nur von KI. Der Bedarf an Rechenleistung ist aber in den letzten Jahren wegen der KI-Modelle enorm gestiegen.

Wie die Anti-AKW-Proteste

Beim Rechenzentrum in Beringen wird es sich nicht um ein leistungsstarkes KI-Rechenzentrum handeln, sondern um eines, das Cloud-Infrastrukturen etwa für Unternehmen bereitstellt. Das ist ein Unterschied, lässt Bauherrin Stack Infrastructure ausrichten, denn KI benötigt spezielle Rechenzentren, die deutlich mehr Ressourcen brauchen.

Das Beringer Projekt steht für die AdA trotzdem sinnbildlich für den Ausbau von digitaler Infrastruktur in der Schweiz. Viel Platz und Energie braucht auch ein Cloud-Rechenzentrum: Das in Beringen ist grösser als der Sechseläutenplatz in Zürich. Es verbraucht laut Prognosen fast so viel Strom wie der ganze Kanton Schaffhausen. Zur Kühlung müsste Wasser von Nachbargemeinden angezapft werden. Für die nächsten Jahre sind ein zweites Datencenter in Beringen und ein weiteres im nahen Herblingen geplant. Widerstand dagegen kommt nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch aus der kantonalen Politik. Es wurden mehrere politische Vorstösse eingereicht.

Global betrachtet lässt sich der Protest gegen Rechenzentren mittlerweile mit jenem gegen Atomkraftwerke vergleichen. Gerade in den USA. Der extreme Wasser- und Stromverschleiss überlastet dort schon heute die lokalen Versorgungsnetze. Das US-amerikanische Forschungsunternehmen Data Center Watch kommt zum Schluss, dass Protestierende letztes Jahr den Bau von mindestens 75 Rechenzentren blockiert oder verzögert haben – von einem Investitionsvolumen von insgesamt 152 Milliarden Dollar.

Ist das auch in Schaffhausen zu erwarten? Darauf angesprochen, wie weit die AdA mit ihrem Protest gehen will, lässt sich ein Aktivist nicht wirklich in die Karten schauen: «Es braucht analog zur Anti-AKW-Bewegung der vergangenen Jahrzehnte einen diversen Protest mit vielfältigen Strategien», sagt er. «Wir sehen verschiedene Möglichkeiten.»

Wir haben die erste Version des Texts mit der Passage ergänzt, dass es sich beim Rechenzentrum in Beringen nicht um ein KI-Rechenzentrum handelt.

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