Was sich am Wochenende um den 30. Mai 2021 in einem Basler Hotelzimmer enthüllte, war existenziell für das kleine, börsenkotierte Pharmaunternehmen Santhera: Eine klinische Doppelblindstudie eines neuartigen Wirkstoffs wurde ausgewertet.
Die Erleichterung musste gross gewesen sein, als sich eine signifikante Wirksamkeit bei den 127 Knaben zeigte, die den echten Wirkstoff und nicht ein Placebo erhalten hatten. Santhera, das nach Misserfolgen mit dem Rücken zur Wand stand, war finanziell gerettet.
Am 1. Juni sollten die Anleger sowie die Öffentlichkeit vor Eröffnung der Börse informiert werden. Die Aktionäre durften einen Kurssprung um das Vielfache erwarten; die Aktie werde «durch die Decke» gehen, lautete die interne Einschätzung.
Der Verwaltungsratspräsident wurde am 31. Mai, um 14.20 Uhr, von seinem CEO über den Erfolg informiert. Keine Dreiviertel Stunde später hatte der Präsident mutmasslich seine Frau über den Durchbruch in Kenntnis gesetzt. Diese zögerte nicht und kaufte für 14'000 Franken Santhera-Aktien. Um Viertel nach Vier zog der Mann nach und erwarb auf seine Rechnung Santhera-Aktien für rund 10'000 Franken.
Die Frau ist geständig – mit einer Einschränkung
Die Bundesanwaltschaft sieht in den Transaktionen den Tatbestand des Insiderhandels erfüllt und verurteilte das Ehepaar im Februar per Strafbefehl. Die Frau ist grundsätzlich geständig, akzeptiert den Strafbefehl jedoch bloss, wenn dieser keinerlei Hinweise auf eine angebliche Teilnahme ihres Ehemanns enthalte. Denn dieser habe ihr zu keinem Zeitpunkt derartige Informationen mitgeteilt.
Da auch der Pharma-Manager den Strafbefehl bestreitet, gilt für beide die Unschuldsvermutung und der Vorwurf wird am Bundesstrafgericht verhandelt. Damit wird jedoch ein Vorfall publik, der bisher vor allem für Rätselraten sorgte. Denn im Sommer 2023 war der Santhera-Verwaltungsratspräsident zwei Tage vor der Generalversammlung überraschend und ohne erkennbaren Grund zurückgetreten.
Es kursierten wilde Spekulationen. So argwöhnte die «Finanz und Wirtschaft» Jean-Paul Clozel, die starke Figur von Idorsia, einer Grossaktionärin von Santhera, habe sich gegen den Mann stark gemacht. Dies weil dieser 2011 von aggressiven Investoren als Gegenkandidat aufgeboten worden war, um Clozel bei der Idorsia-Vorgängerfirma Actelion zu entmachten. Der Grund, so zeigt sich nun, war weit profaner.
Ein Kurssprung unter den Erwartungen
Der Manager hatte eine Reihe von Spitzenpositionen inne, bevor er 2017 bei Santhera anheuerte. In einem Interview mit der «Bilanz» formuliert er einen «Grundsatz», der ihm nun auf die Füsse fällt: «Ich beteilige mich nicht an Firmen, bei denen ich an Veränderungen oder Transaktionen mitarbeite. Und wenn ich bei einer Firma angestellt bin, beteiligte ich mich jeweils.»
Der Zukauf bei seinem Arbeitgeber Santhera hat sich für ihn nicht gelohnt. Er musste den Job aufgeben und der Buchgewinn blieb weit unter den hochgesteckten Erwartungen. Der Aktienkurs stieg nach der Publikation der Forschungsergebnisse bloss um rund 50 Prozent.

