Luftabwehr

Der Patriot-Ersatz für die Schweiz kann schon 2028 kommen – die Franzosen wollen aber sofort Geld

Das französisch-italienische Luftabwehrsystem Samp/T erlebt einen Run. Viele Staaten wenden sich ab von den amerikanischen Patriot-Systemen. Die Schweiz steht vor einem wichtigen Entscheid.
350 Kilometer Reichweite, 1000 erkannte Bedrohungen aufs mal: Cyprien Canivenc, Geschäftsführer für den Vertrieb bei Eurosam, stellt sich stolz vor den Radar des Luftabwehrsystems Samp/T.
Bild: Othmar von Matt

Der Eintritt gleicht der Prozedur vor einem wichtigen Fussballmatch. Jeder Besucher und jede Besucherin muss den Rucksack öffnen. Dann werden sie am ganzen Körper nach verbotenen Gegenständen abgetastet.

Wer die Eingangskontrolle hinter sich hat, steht im Innern der Eurosatory, der weltweit grössten Fachmesse für Land- und Luftverteidigung in Paris. 2600 Unternehmen aus 68 Ländern stellen auf 185'000 Quadratmetern aus. Zu sehen ist auch das französisch-italienische Luftabwehrsystem Samp/T New Generation für grosse Reichweite.

Die Schweiz prüft derzeit, dieses System als Zusatz oder gar als Ersatz für die fünf Patriot-Systeme aus den USA zu beschaffen. Deren Auslieferung verzögert sich bis 2034, zudem verdoppelt sich der Preis von 2,3 auf 4,6 Milliarden Franken.

Noch ist der Entscheid nicht reif. Vertreter des Bundesamts für Rüstung (Armasuisse) liessen sich am Mittwoch und Donnerstag bei Eurosatory in sogenannten «aktiven Gesprächen» über das Samp/T informieren. Sie reden aber auch noch mit den Herstellern der anderen vier Luftabwehrsysteme, die im Rennen sind.

Die zentrale Frage

Entscheidend für die Schweiz ist: Wann kann Eurosam die ersten Sampt/T liefern? Die Zeit drängt. Mit dem Krieg der USA im Iran haben sich die Voraussetzungen grundlegend verändert. Die USA haben massive Lieferschwierigkeiten bei den Patriot-Systemen. Das hat dazu geführt, dass heute über ein Dutzend europäischer Staaten auf das Luftabwehrsystem von Sampt/T ausweichen will.

«Wir haben den Schweizer Behörden gesagt, dass die Auslieferung der Systeme 36 Monate nach Vertragsunterzeichnung beginnt», sagt Jérôme Dufour, Generalsekretär von Eurosam. Würde Armasuisse den Vertrag im Oktober 2026 signieren, erhielte die Schweiz also ab November 2029 erste Systeme.

Dufour lässt deutlich durchblicken, dass es eilt. «Es gilt: First signed, first served», betont er. Wer zuerst unterschreibt, wird zuerst beliefert. «Man muss schnell handeln. Wirklich sehr schnell.» Das sieht auch Cyprien Canivenc so, der Vertriebschef von Eurosam. Er öffnet aber eine interessante Türe: «Schliesst die Schweiz noch dieses Jahr einen Vertrag ab, könnten wir die ersten Lieferungen 2028 oder 2029 garantieren.» Es sei dann denkbar, dass schon 2028 ein System in die Schweiz komme.

Für Aussenstehende ist es nicht einfach zu verstehen, welches Unternehmen für Samp/T zuständig ist. Mitverantwortlich sind drei Konzerne: MBDA, Europas grösster Lenkwaffenhersteller, und Thales, der Radarhersteller, haben Eurosam eigens für die Entwicklung des Luftabwehrsystems Samp/T gegründet. Über MBDA sind gleich fünf europäische Staaten industriell eingebunden.

Jedes Samp/T-System setzt sich aus drei Komponenten zusammen: dem Einsatzsystem, dem Radar und dem Startgerät für die Lenkwaffen.

1. Das Einsatzsystem

Herzstück von Samp/T ist der Kommando- und Führungsraum. Er stammt von Thales. Das Einsatzsystem meldet Bedrohungen und schlägt vor, wie sie bekämpft werden sollen. «Die Entscheidung bleibt aber immer bei einem Menschen», sagt Arnaud Rousset, Vizepräsident im Rüstungskonzern MBDA und verantwortlich für Europa. «Das ist für uns ganz wesentlich.» Das System kann mehrere Dutzend Bedrohungen gleichzeitig bewältigen: ballistische Raketen, Marschflugkörper,  Kampfflugzeuge und Helikopter.

2. Das Radar-Modul

Thales liefert auch die Radartechnik. Der Radar hat eine Überwachungsreichweite von 350 Kilometern. Er kann gleichzeitig 1000 potenzielle Ziele erkennen und verfolgen.

Die Einsatzzentrale des Luftabwehrsystems Samp/T New Generation.
Bild: Othmar von Matt

3. Das Startgerät und die Raketen

Das Startgerät und die Lenkwaffen stammen von MBDA. Ein System besteht aus sechs mobilen Werfern. Sie beförden die Aster-Lenkwaffen in den Luftraum. Das sind europäische Flugabwehrraketen mit Raketenantrieb und Lenksytmen, die zur Abwehr von Flugzeugen, Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen entwickelt wurden. Als Flaggschiff des Konzerns gilt die neue Lenkwaffe Aster B1 NT. «Sie repräsentiert unser höchstes Leistungsniveau», sagt Rousset. Der Suchkopf identifiziert ein bestimmtes Ziel selbst bei einem komplexen Angriff mit mehreren Zielen präzise. Sie werden demnächst bei den französischen und italienischen Truppen eingeführt.

Das Startgerät von Samp/T New Generation, das die Schweiz zurzeit evaluiert.
Bild: Othmar von Matt

4. Die Miliztauglichkeit

Es braucht keine Berufsarmee, um Samp/T zu bedienen. Das System sei ausdrücklich auch für Streitkräfte geeignet, in denen Milizsoldaten dienten», betont Rousset. Das System funktioniert sowohl bei grosser Hitze wie bei tiefen Temperaturen. Für den Aufbau und den Betrieb braucht es nur wenig Personal: 15 Armeeangehörige bauen eine Einheit relativ schnell auf. Drei Personen kontrollieren dann in einer Schicht den Luftraum.

Eurosam, Thales und MBDA träten mit Samp/T in eine neue Ära ein, sagt Rousset. «Es gibt derzeit sehr viele Anfragen und grosses Interesse.» Weil immer mehr europäische Staaten weg wollen von Patriot-Systemen? Rousset: «Offen gesagt: Diese Entwicklung beobachten wir. Ganz eindeutig.»

Dänemark ist ein Beispiel dafür. Das Land entschied sich gegen das US-Produkt Patriot und für Samp/T. Dänemark habe eine sehr gründliche Analyse durchgeführt, sagt Rousset. «Der Entscheid war technisch und operativ begründet.» Auch Belgien, Luxemburg, Rumänien und Griechenland sind an Samp/T interessiert. Das bestätigt Rousset. Eine weitere Liste mit Staaten, die sich Samp/T genauer anschauen und die ihm der Journalist zeigt, kontert Rousset mit einem Schmunzeln: «Ich spreche leider kein Deutsch.»

Aufgrund der Nachfrage erhöht MBDA die Produktionskapazitäten zurzeit massiv. Bleibt die Frage, ob auch Samp/T-Systeme plötzlich doppelt so teuer sind wie Patriot-Systeme? Da wird Rousset kategorisch. «Schliessen Sie einen Vertrag mit Eurosam ab zu Samp/T-Systemen, kosten sie genau so viel, wie im Vertrag steht», sagt er. Und was ist mit der Inflation? «Verlangt man von uns einen verbindlichen Preis, der auch die Inflation abdeckt, übernehmen wir dieses Risiko», sagt Rousset. «Wir wissen, wie man die Inflation kalkuliert.» Eine Bemerkung von Generalsekretär Dufour lässt aber dennoch aufhorchen: «Im Moment der Bestellung braucht es eine Anzahlung.»

Dann, nach Stunden, schliessen die Tore der Eurosatory an diesem Tag. Wieder wirkt die Szenerie wie nach einem wichtigen Fussballspiel: Menschenmassen verstopfen den Zugang zum Bahnhof Parc des Expositions. Die Erklärung ist banal: 40 Grad in Paris lassen den Regionalverkehr zusammenbrechen.

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