Spiegel: Warnung vor historischer Zäsur
«Wie kann man nur die AfD wählen?», titelt der «Spiegel» zwei Tage vor der Wahl in seinem Leitartikel zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Das Medium aus Hamburg spannt einen Bogen zur Zeit des Nationalsozialismus und sorgt sich um die historische Verantwortung der Deutschen. «Wer bei der AfD sein Kreuz macht, ist damit nicht automatisch ein Nazi (...) Aber diese Wählerinnen und Wähler billigen die von der Partei betriebene Geschichtsvergessenheit», schreibt der Leiter des Hauptstadtbüros. Das Wochenmagazin sieht die AfD als «Geistige Erben der Braunen Marschierer». Es macht sich auch Sorgen um den Ruf Deutschlands auf internationaler Ebene, wenn die AfD eine Mehrheit erhalten sollte.
Frankfurter Allgemeine Zeitung: Demokratie hält AfD-Regierung aus
Die Lieblingszeitung von Kanzler Friedrich Merz, die er jeden Morgen als Erstes lesen soll, blickt ebenfalls mit einer gewissen Sorge auf den Wahlsonntag. Es brauche ein Wunder, damit die CDU ihre Konkurrenz von rechts doch noch schlagen könnte. Die Schuld für diese Lage sieht die «FAZ» beim Kanzler. Dieser habe «die Wut der Wutwähler nicht besänftigt». Ein Wahlsieg der AfD sei für die deutsche Demokratie trotz allem aushaltbar – wenn auch ein «Menetekel für das Abgleiten in eine dunkle politische Welt».
Süddeutsche: AfD schadet der Wirtschaft
Das Medium aus München macht sich Sorgen um die Finanzen des ostdeutschen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. «Achtung, die Wahl dieser Partei kann der Wirtschaft schaden», titelt «SZ»-Autor Oliver Klasen. Gemäss einer Studie würde ein AfD-Wahlsieg das Bundesland in den nächsten fünf Jahren rund 3,2 Milliarden Wertschöpfung kosten, weil arbeitende Ausländer Sachsen-Anhalt verlassen würden. Klasen mutmasst aber, dass diese Zahl die Wählerinnen und Wähler kaum beeindrucken dürfte – denn diese würden nicht gemäss dem Geld-Argument votieren.
Bild: Verständnis für AfD-Wähler
Die leserstärkste Zeitung Deutschlands veröffentlicht kurz vor der Wahl eine Kolumne der konservativen Autorin Julia Ruhs – und spart darin nicht an Kritik für die «Altparteien». Die Brandmauer und Anti-AfD-Kampagnen der übrigen Parteien würden bei den Wählern nicht gut ankommen. Sie wirkten, wie «Besitzstandswahrung der Etablierten», und würden in der Konsequenz nur noch mehr Trotz auslösen, schreibt Ruhs. Auch in weiteren aktuellen Kommentaren kritisiert die Bild vor allem die deutschen Regierungsparteien und weniger die AfD.
TAZ: Schuld ist die schlechte Wirtschaft
Das am weitesten links stehende deutsche Leitmedium begleitet die Sachsen-Anhalt-Wahl mit einer Reihe von kritischen Recherchen zu AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund – spart aber auch nicht mit Kritik an CDU-Kanzler Merz. «Der Kanzler macht Wahlkampf für die AfD», lautet etwa eine Schlagzeile aus dieser Woche. Der Ton der «TAZ» in mehreren Artikeln: Die schlechte wirtschaftliche Lage sei der Grund, dass so viele Menschen die AfD wählen wollten. Mit einem AfD-Wahlsieg scheint man bei der Redaktion bereits zu rechnen. So äussert Autor Konstantin Nowotny bereits die Hoffnung, dass die vielen Wähler der AfD keine Extremisten sind – sondern mit besserer Wirtschaftspolitik eines Tages wieder zurückgewonnen werden können.
Guardian: Gefahr für Ausländer und Juden
«Minderheiten fürchten die erste Rechtsaussen-Regierung», titelt der linksliberale «Guardian», der am Wochenende mit Reportern in Magdeburg vertreten ist. In einer Reportage lässt die britische Zeitung eine Iranerin zu Wort kommen, die «jeden Tag um die Zukunft ihres Sohnes fürchtet», weil die AfD vor dem Wahlsieg steht. Auch mit sachsen-anhaltinischen Juden hat der «Guardian» gesprochen. Ein Zitat lautet: «Ich sehe einen Wahlsieg als Gefahr, der erst der Beginn sein könnte. (…) Hitler hat anfänglich auch niemand ernst genommen.»
New York Times: Fokus auf innerdeutschen Machtkampf
Weniger polemisch berichtet die berühmteste US‑Zeitung, die New York Times, über AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Deutschland stehen gemäss der Zeitung schwierige Zeiten bevor, weil debattiert werde, einer AfD-Regierung weniger Rechte und Informationen der Geheimdienste einzuräumen. Aufgefallen ist der «NYT» auch, dass die CDU immer mehr AfD-Positionen übernehme, weil sie derzeit dermassen unter Druck sei. Mässigung bei der AfD sei aber nicht zu erkennen – noch immer würden Extremisten bei der AfD geduldet oder sogar hofiert.
Le Monde: Nett aussehender Kandidat mit radikalem Plan
Die linksliberale Zeitung aus Frankreich hat während einer Wahlkampf-Reportage mit Ulrich Siegmund selbst gesprochen – und beschreibt ihn als Mann, der «die Massen begeistert und Berlin aufschreckt». «Le Monde» hält Siegmund für einen polierten Mann mit einem ansprechenden Erscheinungsbild. Warnt aber vor seiner radikalen Plattform, die besonders in naher Zukunft noch zur Gefahr werden könnte. Die Wahl vom Sonntag sieht die französische Zeitung als Laborexperiment für die Zukunft ganz Deutschlands.
El País: AfD will Englisch mit Russisch ersetzen
Der grossen Tageszeitung aus Madrid machen vor allem die russlandfreundlichen Positionen der AfD Sorge. In einem Überblicksartikel zur politischen Lage in Deutschland zitiert «El País» die Ideen des AfD-Vordenkers Hans-Thomas Tillschneider, der im Falle eines Wahlsiegs Kultusminister werden könnte, und vorschlage, in der Schule Englisch durch Russisch zu ersetzen. DDR-Nostalgie und Russlandfreundlichkeit seien bei der AfD und bei ihren Wählern weitverbreitet. Noch stemme sich die Bundesregierung Merz aber erfolgreich dagegen.



