Deutschland

Erstmals wird ein AfD-Politiker Landtagspräsident – mutmasslich auch mit CDU-Stimmen

In Sachsen-Anhalt dürfte die «Brandmauer» Geschichte sein, wie die Wahl Tobias Rauschs zum Parlamentspräsidenten zeigt. Im Dezember könnte sein Parteikollege Ulrich Siegmund als erster AfD‑Politiker Regierungschef eines Bundeslandes werden.

Von einem historischen Ereignis redeten manche bereits im Vorfeld, und mit entsprechend grosser rhetorischer Kelle wurde am Dienstag angerichtet, bevor der sachsen-anhaltische Landtag eine Entscheidung traf, die bislang noch kein deutsches Parlament getroffen hatte: einen AfD‑Politiker zum Parlamentspräsidenten zu wählen.

«Aus grosser Macht folgt grosse Verantwortung», mahnte Eva von Angern, die Alterspräsidentin des Gremiums, die AfD, die bei der Landtagswahl Anfang September mit grossem Vorsprung gewonnen hatte. In ihrer reichlich pathetischen Rede erinnerte die Politikerin der Linkspartei auch an die Machtergreifung der Nazis; noch vor der Sitzung hatten sie und andere Parallelen zu Hermann Göring gezogen, dem Reichstagspräsidenten aus den Reihen der Nationalsozialisten.

Im Landtag beschäftigte Rausch seine spätere Ehefrau

Rausch gilt als enger politischer Weggefährte Ulrich Siegmunds, der sich im Dezember zum Ministerpräsidenten wählen lassen will. Durch besonders radikale Äusserungen ist der Immobilienunternehmer anders als viele seiner Parteikollegen nicht aufgefallen.

Allerdings war er in die Vetternwirtschaftsaffäre der sachsen-anhaltischen AfD verwickelt: Rauschs spätere Ehefrau begleitete ihn auf Dienstreisen und war zeitweise in der Landtagsfraktion der Partei angestellt; zudem beschäftigte Rausch Spieler eines Amateur-Fussballklubs, dessen Präsident er ist, im Landtag.

Eine weitere Merkwürdigkeit ist Rauschs Doppelrolle als Generalsekretär der sachsen-anhaltischen AfD und als Parlamentspräsident. Ein Generalsekretär ist in der deutschen Politik in der Regel ein Mann fürs Grobe, zuständig für währschafte rhetorische Angriffe auf den politischen Gegner.

Das Amt des Parlamentspräsidenten erfordert dagegen eine überparteiliche Haltung. In seiner Antrittsrede schlug Rausch zwar versöhnliche Töne an und sagte, seine Rolle ändere sich nun. Wie er dies mit seinen Aufgaben als Generalsekretär vereinbaren will, erklärte er jedoch nicht.

Die CDU scheint sich in Auflösung zu befinden

Dass Rausch gewählt werden würde, war erwartet worden. Interessanter war die Frage, wie viele Stimmen er erhalten würde. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hatte angekündigt, für ihn zu stimmen, um, wie die namensgebende Parteichefin erklärt hatte, «die Brandmauer-Idiotie zu beenden».

Schliesslich erhielt Rausch vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen Abgeordnete haben, was darauf hindeutet, dass mehrere Christdemokraten für den AfD-Mann gestimmt haben dürften.

So scheint sich die CDU des noch amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze im Zustand der Auflösung zu befinden, was sich auch daran zeigte, dass sich nur fünf Parlamentarier ihrer Stimme enthielten. Schulze hatte vor der Wahl angekündigt, seine Fraktion werde dies tun. Diese umfasst insgesamt 15 Abgeordnete.

Eine Minderheitsregierung zeichnet sich ab

Ulrich Siegmunds Chancen, Mitte Dezember zum ersten AfD-Ministerpräsidenten in Deutschland gewählt zu werden, scheinen nach der Wahl seines Parteikollegen Rausch gut zu sein. Das BSW will sich dann enthalten; zudem könnten auch dann mehrere CDU-Abgeordnete Schulze die Gefolgschaft verweigern und Siegmund ihre Stimme geben. So könnte die AfD eine Minderheitsregierung bilden, die sich von Fall zu Fall auf das BSW oder einzelne Christdemokraten stützen könnte.

Offen blieb am Dienstag zunächst, ob sich die AfD auch in einem anderen Punkt durchsetzen würde: Die Partei hatte gefordert, die Satzung des Parlaments dahingehend zu ändern, dass sie neben dem Präsidenten auch noch einen Vizepräsidenten stellen kann.

Dafür schlug sie Hans-Thomas Tillschneider vor, ihren bildungspolitischen Sprecher. Da dieser zum rechten Flügel der AfD gehört, war dies von Vertretern der anderen Parteien als Provokation empfunden worden. Über eine Änderung der Satzung beriet der Ältestenrat des Landtags am Nachmittag.

+++ Ein Update folgt +++

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