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Ukraine-Krieg

«Russland wird niemals unser Verbündeter sein» – diese Botschaft richtet sein Cousin an den US-Vizepräsidenten

Nate Vance hat mit dem US-Vizepräsidenten JD die Kindheit geteilt. Nach seiner Rückkehr aus der Ukraine redet der Cousin dem mächtigen Verwandten ins Gewissen. Dieser zeigt sich zumindest in einem Punkt einsichtig.
Nate Vance während seines Interviews mit dem Nachrichtensender CNN.
Bild: Screenshot CNN

In der denkwürdigen Eskalation im Weissen Haus Ende Februar gab JD Vance zu, noch nie in der Ukraine gewesen zu sein. Trotzdem fühlte sich der US-Vizepräsident dazu berufen, den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu massregeln.

Nate Vance war in der Ukraine. Der 47-jährige Cousin von JD kehrte im Januar in die Vereinigten Staaten zurück, nachdem er seit dem russischen Überfall als ausländischer Freiwilliger auf Seiten der Ukraine gekämpft hatte, zuletzt als Scharfschütze in der Spezialeinheit Da Vinci Wolves.

«Ohne Anstand»: US-Vizepräsident JD Vance (rechts) holt zum Generalangriff auf den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski aus.
Bild: Jim Lo Scalzo/EPA

Wenig überraschend fühlte sich Nate Vance durch die Fernsehbilder der Blossstellung Selenskis persönlich tief getroffen und «enttäuscht». Unabhängig von der politischen Einstellung habe sein Cousin im Oval Office «ohne den nötigen Anstand» gehandelt. Deshalb ist Nate Vance jetzt an die Öffentlichkeit getreten. Zuerst in einem Interview mit der französischen Tageszeitung «Le Figaro» , danach im Nachrichtensender CNN .

Die Botschaft, die der Cousin an den US-Vizepräsidenten richtet, ist beide Male glasklar: Wenn JD Vance die Seite Moskaus ergreife, mache er sich und die USA zum «nützlichen Idioten Putins». Auf die Frage von CNN-Anchor Erin Burnett, welche Erfahrung er dem US-Vizepräsidenten stattdessen weitergeben möchte, antwortet Nate Vance aber nicht nur emotional, sondern auch rational:

«Es gibt mehr als einen Grund, warum man für die Unterstützung der Ukraine sein kann. Es gibt das emotionale Argument, das menschliche Element. Wenn das das Argument ist, das du machen willst, um der Ukraine zu helfen, dann unterstütze ich das. Es gibt aber auch das Element, das die USA langfristig beeinflussen wird.»

Nate Vance betont die Vorteile, welche Moskau aus einem Waffenstillstand ziehen würde, den die Trump-Regierung der Ukraine aufzwingen möchte. Putins Sicht sei, dass Russland (in der Ukraine) «noch nicht fertig ist». «Für Russland ist ein Waffenstillstand nur eine Chance, sich neu zu gruppieren, die Armee neu aufzubauen und sie zu modernisieren. Dann kommen die Russen zurück, und wenn sie zurückkommen, werden sie ein viel grösseres Problem darstellen, als sie es jetzt sind.»

Auf die Kontaktaufnahmeversuche nicht reagiert

Im Moment sei Russland militärisch so geschwächt wie noch nie zuvor, argumentiert Nate Vance. Sobald aber der Kreml beim weiteren Ausbau seines militärisch-industriellen Komplexes nicht mehr durch westliche Sanktionen behindert sei, werde Putin ein noch viel gefährlicherer Gegner sein. Dann werde nämlich Russland über «eine imperialistische, modernisierte, aggressive Kriegsmaschine» verfügen, die «ihre Lektionen zur modernen Kriegsführung in der Ukraine gelernt hat».

Nate Vance bedauert, dass der US-Vizepräsident auf seine Versuche zur Kontaktaufnahme bisher noch nicht reagiert habe. «Ich denke, meine Erfahrung in der Ukraine hat mir eine einzigartige Perspektive gegeben, die die meisten Amerikaner nicht haben», antwortet er auf eine entsprechende Frage der CNN-Interviewerin. «Er muss meinen Rat nicht annehmen, aber ich finde es etwas seltsam, dass er meinen Rat nie gesucht hat.» Der Krieg in der Ukraine sei ein derart ernsthaftes Thema, dass «eine weise Person alle verfügbaren Informationen berücksichtigen sollte, die sie einholen kann».

Für Nate Vance ist es offensichtlich, dass sein Cousin in eine Falle tappe, wenn er Putin und die Kremlführung durch amerikanische Augen betrachte und auf diese Weise mit ihnen verhandle: Die Russen «kümmern sich nicht um das, was wir denken. Sie sind nicht unsere Verbündeten. Und sie werden es auch nie sein. Zumindest nicht für diese Generation», warnt der kriegserfahrene Cousin den US-Vizepräsidenten.

Er selbst habe an der ukrainischen Front oft genug mitangesehen, wie russische Truppen ihre eigenen Soldaten beim Rückzug erschossen hätten. «Diese Leute zögern nicht, aus politischen Gründen ihre eigenen Leute aufzufressen (‹to eat their own people›). Also werden sie auch nicht zögern, einen US-Präsidenten oder -Vizepräsidenten aufzufressen.»

JD Vance sieht Russland als Aggressor

Inzwischen hat sich US-Vizepräsident JD Vance zumindest dahin gehend geäussert, dass er Wladimir Putin und Russland als Aggressor in der seit Februar 2022 andauerenden Kriegsphase anerkennt. Selbst an dieser offensichtlichen Tatsache musste aufgrund der haarsträubenden Täter-Opfer-Umkehr gezweifelt werden, die JD Vance weltweit nach dem Selenski-Eklat im Weissen Haus vorgeworfen worden war.

In einer spontanen Aussprache mit Pro-Ukraine-Demonstranten in Cincinnati, Ohio, sagte der US-Vizepräsident am vergangenen Samstag: «Genau, sie (die Russen) haben ganz bestimmt die Ukraine 2022 überfallen. Aber es braucht jetzt eine Vereinbarung.» JD Vance verteidigte so «seine Ungeduld» und die offizielle Ukraine-Politik des Weissen Hauses, welche die Demonstrierenden kritisierten.

So reagierte JD Vance auf den Austausch mit einer proukrainischen Protestgruppe in Cincinnati, Ohio.
Bild: X

Der US-Vizepräsident stellte sich dem kurzen Dialog am Strassenrand, weil er seine dreijährige Tochter, die er im Kinderbuggy mitführte, von der Protestgruppe verfolgt und bedrängt sah. Anschliessend schrieb er im Kurznachrichtendienst X, das Gespräch sei überwiegend respektvoll verlaufen. Aber wer eine Dreijährige wegen eines politischen Protests jage, sei eine «shit person».