
Überraschungsauftritt des Schweizer Verlegers in Moskau: Eigentlich sollte Roger Köppel bei einer Veranstaltung mit Kreml-Chef Wladimir Putin nur eine kurze Frage aus dem Publikum stellen. Doch der «Weltwoche»-Chef bauchpinselte den russischen Herrscher so sehr, dass dieser ihn persönlich dazu aufrief, ein kleines Referat zu halten. Mit dem Ende, dass der Schweizer seinem Gegenüber sogar versicherte, ihn beim Versuch zu unterstützen, die alte Russlandpolitik Deutschlands wieder einzuführen.
Aber von vorn: Zu der ungewöhnlichen Szene kam es am Donnerstag beim Treffen des «Valdai Discussion Club» in Moskau. Köppel gehört dort zu den geladenen Gästen aus mehr als 40 Ländern und sollte eigentlich nur den Ausführungen der Diskussionsteilnehmer lauschen. Das tat er auch, erhielt dann aber die Gelegenheit, eine Journalistenfrage zu stellen. «Grüezi, ich bin Roger Köppel aus der Schweiz», stellte er sich vor.
Putin «erinnert sich nicht mehr», was vorletzte Woche mit Nestlé war
Beim Auftritt Köppels geht es um Egon Bahr, den deutschen SPD-Politiker, der als einer der Architekten der annähernden Ostpolitik unter Willy Brandt galt. Köppel erzählte, er habe Bahr einst nach Zürich eingeladen und mit ihm über dessen Vorstellung gesprochen, Deutschland könne eine «Brücke zwischen Ost und West» sein.
Dann kam Köppel zu seinen eigentlichen Fragen. Wie Putin die Schweiz heute sehe, wollte er wissen – und weshalb Russland ausgerechnet gegen Nestlé vorgegangen sei. «Warum haben Sie eines unserer grossartigen Unternehmen, Nestlé, bestraft?», fragte Köppel. Der Konzern habe sich schliesslich den zahlreichen Forderungen in Europa widersetzt, Russland zu verlassen, und sei «trotz der Kritik» im Land geblieben.
Noch bevor Putin antworten kann, bedankt sich Köppel dann bei Putin für den Beitrag, den Russland zur Schweizer Neutralität beigetragen habe – im Jahr 1815 beim Wiener Kongress.
Die historische Lobhudelei hat der Kreml-Chef wohl kaum erwartet. Er ist davon wohl so perplex, dass ihm Teile seiner Antwort entfallen: «Ich erinnere mich nicht mehr an die Details», sagt Putin. Aber Russland wolle niemanden bestrafen. «Wir antworten nur auf die Aktionen, die andere gegen uns ergriffen haben.» Russland würde auch niemandem etwas wegnehmen wollen.
Köppel hofft auf russische Nachhilfe für Deutschland
Dann kommt die Szene, auf die Köppel womöglich gepokert hat. Putin sagt zu ihm: «Es wäre interessant, Ihnen zuzuhören.» Wenn Köppel so gut sein wolle, einige Worte über Egon Bahr und die politische Situation zu sagen, wäre das «interessant für alle Anwesenden».

Köppel nutzt die Gunst der Stunde, und spricht mit sichtlicher Begeisterung über den deutschen Politiker. «Seine Vision war, dass Europa, dieser Friedhof früherer Imperien, ein Kontinent des Friedens werden könnte», erklärt Köppel. Und äussert die Hoffnung, dass die Schweiz eine Rolle spielen könne, um zwischen den Grossmächten USA und Russland zu vermitteln.
Zum Schluss lässt sich Köppel sogar zu folgendem Satz hinreissen: «Ich unterstütze Sie in all Ihren Versuchen, Egon Bahr zurückzubringen, speziell in Deutschland.» Denn: «Die Deutschen brauchen ‹Unterstützung› und zusätzliche Nachhilfe, um sich wieder an Egon Bahr zu erinnern.»
Die Geschichtsstunde Köppels scheint Wladimir Putin dann bestens gefallen zu haben. Besonders der Ausdruck «Europa als Friedhof der Imperien» löste ein vorsichtiges Grinsen aus. Also wiederholte ihn der Kreml-Chef umgehend und kritisierte dazu den «moralischen Imperialismus» des Westens.
Putin will, dass die Schweiz neutraler wird
Dann antwortet Putin schliesslich noch auf Köppels Eingangsfrage, wie sich kleine Nationen wie die Schweiz in der Welt verhalten sollten. Entscheidend sei nicht die Grösse eines Landes, sondern ob dessen Führung die Interessen der eigenen Bevölkerung vertrete und eine «unabhängige und souveräne Politik» betreiben könne. Ausgerechnet die Schweiz habe sich dagegen unter Druck eines ihrer wichtigsten Vorteile im globalen Finanzsystem berauben lassen, behauptete Putin mit Blick auf das Bankgeheimnis. «Die Schweiz ist nicht mehr so attraktiv wie früher.»
Auch bei der Neutralität erteilt der Kreml-Chef der Schweiz eine Nachhilfestunde. Russland begrüsse diese zwar – doch dann müsse die Schweiz auch «vollständig abseits von allen Sanktionen gegen Russland stehen». Neutralität dürfe «nicht nur in Worten» bestehen. Was die Schweiz mit ihrem heutigen Kurs gewonnen habe? «Nichts», befand Putin, während die Kamera dem Publikum einen nickenden Roger Köppel zeigt.

Die Schweiz habe bloss ihren Status verloren, fährt Putin fort. Und obwohl er seine Ausführungen mit den Worten «Das ist kein Ratschlag» relativiert, schiebt er gleich eine unmissverständliche Aufforderung hinterher: Wer «echte Neutralität» praktiziere, könne davon nur profitieren.
Am Ende hatte damit nicht nur Köppel seine Botschaft bei Putin platziert. Auch der Kreml-Chef nutzte die unverhoffte Schweizer Vorlage, nach der Abstimmung über die Neutralitätsinitiative den Druck aus Russland auf die Schweiz hochzuhalten – dank freundlicher Tipps von Wladimir Putin.

