Arbeitsmarkt

Roche-Manager warnt vor 10-Millionen-Initiative: «Könnten Standort so nicht mehr betreiben»

Jürg Erismann ist Standortleiter Basel und Kaiseraugst bei Roche, wo der Pharmakonzern 12'000 Menschen beschäftigt – davon die Hälfte mit EU-Pass. Er sagt, was ohne Personenfreizügigkeit passieren würde.
Jürg Erismann, Standortleiter von Roche zur Initiative über die 10-Millionen-Schweiz.
Bild: Kenneth Nars

Rund 200 Meter über Basel, im höchsten Gebäude der Schweiz, hat Jürg Erismann seinen Arbeitsplatz. Der Roche-Manager leitet die Standorte Basel und Kaiseraugst mit insgesamt rund 12’000 Mitarbeitenden. Die Doppelhochhäuser von Roche prägen die Skyline der Stadt und wirken wie Sinnbilder: Roche ist gemessen am Börsenwert der grösste Konzern der Schweiz, vor Novartis, Nestlé, ABB und UBS.

Erismann war Gast im Podcast «Die Wirtschaftsfrage». Im Gespräch mit CH Media bekennt er sich trotz turbulenter Weltlage und «America First» zum Standort Basel/Kaiseraugst. Nachdem ein neues Forschungszentrum eröffnet worden ist, würden derzeit rund 790 Millionen Franken in die Modernisierung der synthetischen Produktion fliessen. «Das sind namhafte Investitionen», sagt Erismann. Zurückgestellt wurde hingegen die Idee eines dritten Hochhauses.

Regionale Trümpfe, nationale Risiken

Die Region verfüge über einen wichtigen Trumpf: ein Life-Science-Ökosystem, qualifizierte Fachkräfte und verlässliche Behörden. Gerade Letzteres werde wichtiger. «Man muss sich darauf verlassen können, dass die Rahmenbedingungen auch in zehn Jahren noch funktionieren», sagt er. Mit den Standortkantonen, dem linken Basel-Stadt und dem bürgerlichen Aargau, arbeite Roche «wirklich gut zusammen».

Sorgenfrei ist man bei Roche allerdings nicht. Und belastend sind auch nicht bloss geopolitische Krisen, Protektionismus oder die Unsicherheit, die von der US-Zollpolitik ausgeht. Sondern durchaus innenpolitische Themen. Insbesondere die 10-Millionen-Initiative der SVP und die Diskussion über die Personenfreizügigkeit.

Der Sitz der Firma Roche mit den Türmen im Abendlicht in Basel.
Bild: Keystone

Für den Konzern sei der Zugang zu Fachkräften zentral, sagt Erismann. Von den rund 12’000 Mitarbeitenden in Basel und Kaiseraugst hätten über 50 Prozent einen EU-Pass. «Diese über 50 Prozent sind nicht einfach nur Grenzgänger. Viele wohnen inzwischen auch in der Schweiz. Das zeigt klar: Wenn wir den Zugang zu diesen Arbeitskräften stark einschränken würden, könnten wir den Standort in dieser Form nicht mehr betreiben.»

Tätigkeiten müssten anderswohin verlagert werden

Roche habe diese Mitarbeitenden nicht wegen ihrer Nationalität angestellt, betont Erismann, sondern weil nicht ausreichend Arbeitskräfte in der Schweiz vorhanden seien. Gerade in der Forschung suche Roche international nach Spezialisten. «Da sind wir auch auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen.»

Für Erismann hätte eine starke Einschränkung der Zuwanderung direkte Folgen für den Standort Basel. «Konsequenterweise würde das bedeuten: Wenn man die Menschen hier nicht mehr findet, müssten gewisse Tätigkeiten an andere Standorte verlagert werden – dorthin, wo diese Fachkräfte verfügbar sind. Eine andere Logik sehe ich nicht.»

Dabei gehe es nicht nur um hochqualifizierte Forscher, Ingenieure und sonstige Spezialisten. Erismann weist darauf hin, dass ein Konzern wie Roche auf eine ganze Kette von Arbeitskräften angewiesen sei – auch ausserhalb des eigenen Unternehmens. «Ein grosser Standort wie dieser braucht ein ganzes Netzwerk: Reinigungspersonal, Sicherheitsdienste, Entsorgungspartner und viele weitere Dienstleistungen.»

Viele dieser Menschen würden nicht direkt bei Roche arbeiten, sondern bei Zulieferfirmen und Partnerunternehmen. «Auch dort ist die internationale Zusammensetzung der Mitarbeitenden oft ähnlich.»

Anders als vor der Freizügigkeit

Würde Roche mit seiner Strahlkraft nicht auch ohne Freizügigkeit immer genug Arbeitskräfte finden? Das Unternehmen, gegründet 1896, war schon lange vor der Personenfreizügigkeit (die gibt es seit 2002) erfolgreich. Darauf antwortet Erismann: «Wir sind heute in einer anderen Dimension. Ich glaube nicht, dass Roche einfach wie ein Schwamm alle verfügbaren Arbeitskräfte aufsaugen könnte. Diese Leute würden dann an anderer Stelle fehlen.»

Jürg Erismann, Standortleiter Basel und Kaiseraugst von Roche, im Podcast-Interview.
Bild: chm

Für Erismann hängen Personenfreizügigkeit und die neuen bilateralen Verträge direkt zusammen. Roche exportiert rund die Hälfte seiner Produkte in die EU. «Es geht um den Marktzugang», sagt er. Wichtig seien zudem ein Stromabkommen und die enge Vernetzung der Schweizer Hochschulen mit der europäischen Spitzenforschung.

Der bisherige bilaterale Weg müsse weiterentwickelt werden. Nicht alles in der EU sei gut, die Bürokratie sei ein Problem, aber die Abwägung von Vor- und Nachteilen spreche klar für ein vertieftes bilaterales Verhältnis. «Sonst besteht die Gefahr, dass die heutigen Regelungen schrittweise auslaufen. Dann müssten einzelne Verträge immer wieder neu verhandelt werden – und das würde zu einer dauernden Baustelle führen. »