Anna Wanner plädiert in ihrem Kommentar vom 29. August 2026 für ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Die Sorge vor unsicheren und süchtig machenden Plattformen ist berechtigt, aber der Vergleich mit dem Rauchen ist nicht tragfähig. Beim Rauchen ist jede Dosis schädlich. Social Media haben hingegen viele positive Effekte, die wir alle kennen: sich vernetzen, Informationen und Gleichgesinnte finden, aktuelle Themen diskutieren.
Gleichzeitig wissen wir alle: Auf vielen Plattformen gibt es süchtig machende Elemente, um unsere Verweildauer zu maximieren. Es gibt dunkle Ecken. Vergleichbar mit einer Stadt: Auch sie ist ein wichtiger Ort des Austausches. Hat eine Stadt unsichere Gegenden oder steht der Dealer an der Ecke, machen wir die Gegend sicherer und gehen gegen den Dealer vor. Wir erlassen kein Zugangsverbot für Jugendliche, sondern lassen sie sich zurechtfinden und begleiten sie, wo nötig.
Genau das sollten wir auch auf Social Media tun: Algorithmen und Funktionen regulieren, die junge wie erwachsene Menschen zu übermässigem Konsum führen. Das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeit regulieren, statt ganze Gruppen von der digitalen Lebenswelt auszuschliessen.
Ein Zugangsverbot für Jugendliche wäre eine Scheinlösung mit weitreichenden schädlichen Nebenwirkungen. Das Kommunikations- und Austauschbedürfnis würden die Jugendlichen anderswo stillen, in weniger kontrollierten und abgeschirmten Orten des Internets. Mobbing und unangemessenen Inhalten würden sie auch dort begegnen. Den Erwachsenen müssten sie dies aber verheimlichen und sie würden nicht mehr mit ihnen darüber sprechen, um nicht aufzufliegen.
Das zeigt, wie stark ein Ausschluss von Jugendlichen die Realität und ihre Bedürfnisse verkennt. Deshalb lehnen auch Jugendverbände wie Pro Juventute ein pauschales Verbot ab. Es braucht dringend die Stimme der Jugendlichen selbst in der Debatte. Sie wollen in ihren Bedürfnissen gehört werden.
Australien hat ein Verbot durchgezogen, und die Resultate sind ernüchternd: Über 80 Prozent der eigentlich Ausgeschlossenen sind immer noch auf Social Media, da sich Alterskontrollen technisch einfach umgehen lassen. Und eine aktuelle Studie zeigt: Von denjenigen australischen Jugendlichen, die nicht mehr auf den Plattformen sind, konsumieren seither 50 Prozent signifikant weniger journalistische Nachrichten. Das Verbot hat ihren wichtigsten Zugang zu Informationen über die Welt gekappt.
Zudem: Ein Altersnachweis für Social Media betrifft uns alle. Wir alle müssten uns digital ausweisen und unsere Identitätsdaten in die Datentöpfe von Big Tech geben, um überhaupt Teil der digitalen Räume zu sein, um aktuelle gesellschaftliche und politische Themen zu diskutieren. Mit der Ausweispflicht schliessen wir weitere Personengruppen davon aus. Das ist nicht die demokratische Teilhabe und die freie Öffentlichkeit, die wir als Gesellschaft wollen.
Die vollständige Kommerzialisierung der digitalen öffentlichen Debattenräume der letzten 20 Jahre ist ein Fehler. Als Gesellschaft müssen wir wieder die Kontrolle über die Regeln dieser Debattenräume gewinnen. Die Big-Tech-Konzerne hinter den Plattformen werden die Verantwortung für sichere Debattenräume für alle nicht übernehmen.
Die Politik hat es in der Hand: Sie muss die Plattformen regulieren. Keine Push-Nachrichten in der Nacht, keine unendlichen Feeds, kein automatisches Abspielen von Videos, keine verschwindenden «Fear-of-missing-out»-Elemente, kein Sammeln und Verarbeiten unserer intimsten Daten. Und das als Standard-Einstellungen. Die EU und die USA stellen endlich entsprechende Forderungen an Instagram, Facebook, Tiktok & Co. Sicherheitsprüfungen sind heute für viele Produkte eine Pflicht – wieso nicht für Social Media?
Junge Menschen haben das Recht, sich vielfältig zu informieren, sich digital auszutauschen und zu vernetzen, Teil der öffentlichen Debatte über ihre Lebenswelt zu sein. Ihr Ausschluss ist ein Fehler, ein ohnmächtiges Einknicken vor der Macht von Big Tech. Wir brauchen bessere Social-Media-Plattformen – für alle.


