Russland

Putin wird Pirat: So gefährlich ist seine neue See-Strategie

Der Kreml-Chef schlüpft in eine Marineuniform und erklärt, westliche Schiffe beschlagnahmen zu wollen. Anschliessend brüskiert er Japan mit einer umstrittenen Reise.
Sie passt noch: Kreml-Chef Wladimir Putin auf der «Warjag» in seiner 20 Jahre alten Marineuniform.
Bild: AP

Russlands Präsident hat sich in den Fernen Osten aufgemacht. Am Mittwoch traf er in der Stadt Juschno-Sachalinsk ein, die mehr als sechstausend Kilometer von Moskau entfernt liegt. Dort nahm er zum ersten Mal seit 1999 an Manövern der Pazifikflotte teil.

Der 12. August ist der Jahrestag des Untergangs des Atom-U-Boots «Kursk». Putin erwähnte das mit keinem Wort. Der Kreml-Herrscher wollte der Öffentlichkeit etwas ganz anderes vermitteln.

In Juschno-Sachalinsk ging Putin an Bord des Garde-Raketenkreuzers «Warjag». Das Flaggschiff der russischen Pazifikflotte führt gerade Manöver im Japanischen und Ochotskischen Meer durch. Genau denselben Namen «Warjag» trug auch der Panzerdeckkreuzer, der am Russisch-Japanischen Krieg von 1904 teilnahm, von der japanischen Armee beschossen und von russischen Soldaten versenkt wurde, damit das Schiff nicht in die Hände des Feindes fiel.

Betreten hatte der Kreml-Chef das Kriegsschiff noch im Anzug.
Bild: AP

Putin betrat das Deck der neuen «Warjag» in Jackett und Krawatte und zog sich anschliessend die Marineuniform an, die er seit mehr als 20 Jahren nicht mehr getragen hatte.

Mit gleicher Münze zurückzahlen

«Ich möchte auf die jüngsten Beschlüsse der Europäischen Union hinweisen», hob der Kreml-Herrscher an. «Wir stellen fest, dass die Behörden einiger Länder unter Verletzung des internationalen Seerechts versuchen, den Schiffsverkehr unserer zivilen Wirtschaftsunternehmen einzuschränken.» Kürzlich seien sie «sogar auf die Idee gekommen, unsere Schiffe zu beschlagnahmen und das von uns geraubte Eigentum zu verkaufen», so Putin. «Das ist natürlich nichts anderes als Piraterie und Raub. Und sollte dies in die Praxis umgesetzt werden, werden wir gezwungen sein, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. An jedem beliebigen Ort.»

Seit Anfang 2026 haben Belgien, Grossbritannien, Frankreich und Schweden mindestens neun Schiffe der russischen Schattenflotte aufgebracht. Damit sind Schiffe mit verschleierten Besitzverhältnissen gemeint, mit denen Russland westliche Sanktionen beim Ölexport umgeht. Ein weiteres Schiff, der Tanker «Marinera», wurde nach einer Verfolgungsjagd durch die USA im Atlantik geentert. Später verkauften die US-Behörden das Schiff als Schrott.

Putins Rhetorik hat sich erheblich radikalisiert. Ende Juli verglich er die Festsetzung russischer Schiffe bereits mit Piraterie. Damals sprach er von der Notwendigkeit, «im Rahmen des internationalen Rechts umsichtig zu handeln». Nun hat er jedoch faktisch einen Piratenkrieg erklärt.

Strammstehen für den Präsidenten: Die Matrosen der «Warjag».
Bild: AP

Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens zwangen die Benzinknappheit in Russland und der Rückgang der Kapazitäten russischer Raffinerien nach den Angriffen ukrainischer Drohnen Putin dazu, um die Energieressourcen seines Landes zu kämpfen.

Zweitens wurden laut einem Bericht des Zentrums für Forschung zu Energie 54 Prozent der russischen Ölexporte auf See mit Tankern der Schattenflotte abgewickelt, gegen die Sanktionen verhängt wurden. Dies ist ein wesentlicher Teil der russischen Öl- und Gaseinnahmen; allein im Jahr 2024 erzielte Moskau auf diese Weise mehr als 80 Milliarden Euro.

Jeder beschlagnahmte Tanker der Schattenflotte ist ein Schlag gegen die russische Wirtschaft, weshalb Putin offensichtlich fest entschlossen ist, seine Verluste durch eine «spiegelgleiche Reaktion auf Piraterie und Raubüberfälle an beliebigen Orten» auszugleichen.

Der endgültige Bruch mit Japan

Putins Rhetorik richtet sich dabei nicht nur gegen den Westen. Bei einem Gespräch mit Militärangehörigen an Bord der «Warjag» wies er auf die zunehmenden Spannungen im asiatisch-pazifischen Raum hin. Er kritisierte die japanische Regierung wegen der Sanktionen gegen Russland und der verschärften Sprache in der Frage der Zugehörigkeit der Kurilen-Inseln.

Wladimir Putin beobachtet ein Manöver auf der «Warjag».
Bild: AP

Tokio betrachtet diese als sein Hoheitsgebiet und spricht von einer illegalen Besetzung durch Russland. Als würde er auf die japanische Rhetorik reagieren, reiste Putin von Juschno-Sachalinsk aus zu den Kurilen, die der russische Präsident noch nie zuvor besucht hatte. Das japanische Aussenministerium legte im Zusammenhang mit Putins Besuch «entschiedenen Protest» ein und erklärte, es handele sich um «historisch und rechtlich untrennbare Gebiete Japans».

Auf den Kurilen besuchte Putin einen Fischverarbeitungsbetrieb und das Bezirksspital. Er traf sich auch mit dem Gouverneur der Region Sachalin, Waleri Limarenko. Dieser berichtete Putin, dass die Bevölkerung selbst an den entlegensten Orten der Kurilen-Inseln sage: «Alles für den Sieg». Putin antwortete: «So sind unsere Menschen. Sie haben den genetischen Code eines Siegers.»

Im Jahr 2012 sagte Putin, dass im Territorialstreit zwischen Russland und Japan «ein akzeptabler Kompromiss erzielt werden müsse». Im Jahr 2024 erklärte Putin jedoch, dass es für eine Wiederaufnahme des Dialogs mit Japan über die Kurilen-Inseln «keine Voraussetzungen» gebe und dies erst möglich werde, wenn Tokio seine Haltung zum Krieg in der Ukraine ändere. Nachdem Putin jedoch persönlich die Kurilen-Inseln besucht und dabei bewusst eines der für Japan heikelsten Themen angesprochen hat, dürften sich die Beziehungen zwischen Moskau und Tokio in naher Zukunft kaum verbessern.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: