Gesundheit

Zuerst zum Psychiater: Drohen längere Wartezeiten für Psychotherapie?

Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt. Doch Gesundheitspolitiker wollen den Zugang zur Psychotherapie erschweren. Das provoziert Widerstand bei Betroffenen.

Um die psychische Gesundheit von Herr und Frau Schweizer steht es nicht gut. Jede zweite Person kämpft früher oder später mit einer psychischen Erkrankung. Gerade junge Menschen sind zunehmend betroffen. Lange war Hilfe nicht einfach zu erhalten: Freie Therapieplätze galten als akute Mangelware.

Das wollte der Bundesrat 2021 ändern und entschied sich für einen Systemwechsel. Seit Juli 2022 dürfen Psychologinnen und Psychologen die Psychotherapie selbstständig über die Krankenkassen abrechnen – sofern eine ärztliche Anordnung vorliegt. Zuvor musste eine Psychotherapeutin bei einem Arzt angestellt sein, um eine Behandlung abzurechnen.

Kostenschub dank besserem Zugang

Dieses System steht nun bereits wieder auf der Kippe. Der Grund? Schnell zeichnete sich ab, dass die Massnahme wirkt: Mehr Menschen erhalten Hilfe. Parallel dazu wuchsen die Kosten aber deutlich stärker als erwartet. Mitte August folgte die zweite Evaluation. Der Bund kommt zum Schluss, dass sich der Zugang zur Psychotherapie für Patientinnen und Patienten verbessert hat. Und das spiegelt sich wiederum in den Kosten wider: In den ersten drei Jahren sind sie von 528 Millionen auf 922 Millionen Franken angestiegen.

Die Verbände argumentieren, das sei der Aufholeffekt: Der politische Wille war es, mehr Menschen zu helfen. Es war zu erwarten, dass dies etwas kosten würde. Zudem treiben zwei zusätzliche Effekte die Kosten für die Krankenkassen in die Höhe: eine Tarifänderung sowie die Verlagerung von Selbstzahlern und Zusatzversicherten in die Grundversicherung.

Zuerst zum Psychiater

Die nächste Prämienrunde steht bevor. Und die Gesundheitskommission des Nationalrats will angesichts der steigenden Kosten eine neue Hürde einbauen. So soll bei Therapiebeginn eine gesicherte medizinische Diagnose vorliegen, die eine Psychiaterin oder ein Psychiater gestellt hat. Der Zugang soll so besser gesteuert und die Kosten zulasten der Krankenkassenprämien gesenkt werden.

SP-Gesundheitspolitikerin Sarah Wyss spricht von einem «Rückschritt». Das zwingende Vorliegen einer Diagnose belaste die Ärzteschaft unnötig und erschwere den Zugang für Menschen, die rasch Hilfe brauchen. «Wir schaffen so einen neuen Flaschenhals, der die Probleme verschärft statt löst.»

Das sehen auch die Psychotherapeutinnen so. Per Petition fordern sie den Nationalrat auf, die neue Hürde abzulehnen. Sie bedeute, dass Personen, die psychotherapeutische Hilfe benötigen, zuerst eine Psychiaterin aufsuchen müssen – auch wenn der Leidensdruck schon hoch ist und eine Therapie längst angezeigt. Unterstützt wird die Petition von Kinderärztinnen, Wissenschaftlern und Psychiatern.

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