Nach dem Tod von Jewgeni Prigoschin im August 2023 begann die einst einflussreiche russische Wagner-Gruppe zu zerfallen. Ein Teil der Kämpfer unterzeichnete Verträge mit dem Verteidigungsministerium und ging ins «Afrikanisches Korps» der russischen Armee.
Ein anderer Teil, für den die Autorität und Ideologie Jewgeni Prigoschins an erster Stelle standen, sah nach dem Tod seines Anführers keinen Sinn mehr darin, sich an Kampfhandlungen zu beteiligen.
Eine dritte, zahlenmässig kleine Gruppe erfahrener Kämpfer schloss sich dem 28-jährigen Pawel Prigoschin an. Nach Angaben des «Wall Street Journal» soll dieser nach dem Tod seines Vaters in der Zentralafrikanischen Republik ein Drogenimperium aufgebaut haben und dort die Kontrolle über Goldminen ausüben.
Vor einigen Jahren gab der Kreml Pawel Prigoschin grünes Licht, die Geschäfte seines Vaters in Afrika fortzuführen – unter der Voraussetzung, dass diese nicht den Interessen Russlands zuwiderlaufen. Das Drogenimperium, das ehemalige Kämpfer der Wagner-Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik aufgebaut haben sollen, basiert auf dem Handel mit Tramadol, das häufig als «Kokain der Armen» bezeichnet wird.
Der ehemalige Ausbilder der Söldnertruppe und Autor des Buches «Russlands Wagner-Gruppe: Von der Ukraine bis zu Militärputschen», Igor Salikow, erklärt im Gespräch mit «Schweiz heute» die Wirkung der Droge. In hohen Dosen eingenommen, mache sie aus Kämpfern regelrechte «Cyborgs», sagt er.
«Es steigert die Ausdauer und unterdrückt das Angstgefühl. Unter dem Einfluss von Tramadol konnten einige Kämpfer trotz schwerer Verwundungen weiterkämpfen. Das ist mir bereits aus meinen Erfahrungen in Syrien im Jahr 2015 bekannt», sagt Salikow.
Goldschmuggel als Millionengeschäft
Die Kontrolle über den Tramadolhandel ermöglicht es Pawel Prigoschin, die Wald- und Goldressourcen der Zentralafrikanischen Republik auszubeuten. Nach Schätzungen des Genfer Analysezentrums Global Initiative Against Transnational Organized Crime erwirtschaftet der illegale Goldexport der Wagner-Gruppe jährlich rund 180 Millionen US-Dollar.
Der Schmuggel des Schmerzmittels in die Nachbarstaaten stellt zudem eine zusätzliche Einnahmequelle dar. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, wird Tramadol von Minenarbeitern auf den von der Wagner-Gruppe kontrollierten Goldminen konsumiert. Auch Teilnehmer prorussischer Demonstrationen sowie Kämpfer, die an dem seit Jahren andauernden bewaffneten Konflikt im Land beteiligt sind, nehmen das Mittel.
Der grösste Teil des nach Zentralafrika gelieferten Tramadols wird in Indien hergestellt. Von dort exportieren Pharmaunternehmen das Medikament in die Republik Kongo. Anschliessend schmuggeln Händler das Tramadol über den Ubangi-Fluss in die Zentralafrikanische Republik.
Nicht mehr in der Kontrolle des Kremls
Pawel Prigoschin nutzt das Geschäftsmodell in Afrika, das sein Vater über Jahre hinweg aufgebaut hatte. Das letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Video von Jewgeni Prigoschin entstand im Sommer 2023 in Afrika. Darin kündigte der Wagner-Chef an, «Russland auf allen Kontinenten noch grösser und Afrika freier zu machen.»
Wie das «Wall Street Journal» berichtet, entzieht sich der heutige Tramadolhandel in der Zentralafrikanischen Republik jedoch der Kontrolle des Kremls. Die ehemaligen Kämpfer der Wagner-Gruppe unterstehen inzwischen unmittelbar der Regierung des Landes. Der Einfluss der russischen Söldner ist dort inzwischen so gross, dass sie Tramadol an Angehörige der Präsidentengarde sowie an die Jugendmiliz Sharks liefern. Diese organisiert regelmässig bewaffnete Patrouillen in Bangui und greift Anhänger der Opposition tätlich an.
Offenbar kommt eine solche Unterstützung durch die Gruppe Pawel Prigoschins den Behörden der Zentralafrikanischen Republik durchaus gelegen. Im Jahr 2025 erklärten Vertreter der Zentralafrikanischen Republik, Russland habe das Land dazu aufgefordert, die private Söldnergruppe Wagner durch die staatliche Organisation «Afrikanisches Korps» zu ersetzen. Die Regierung der Republik hielt die Wagner-Gruppe jedoch für effizienter und zieht es vor, deren Dienste mit Bodenschätzen statt mit Bargeld zu bezahlen.
Nach Einschätzung von Igor Salikow macht genau dies Pawel Prigoschin letztlich zu einem Gegenspieler des Machtapparats von Wladimir Putin.
Hinzu kommt die persönliche Geschichte. Pawels Vater liess im Juni 2023 seine Söldner Richtung Moskau marschieren, brach den Aufstand nach einer von Weissrussland vermittelten Einigung jedoch ab. Zwei Monate später starb er beim Absturz seines Privatjets nördlich von Moskau. Beobachter haben wenig Zweifel daran, dass der Kreml hinter seinem Tod steckt.
«Putin erklärte seinen Vater Jewgeni zum Verräter, er kam ums Leben, und Pawel wird vermutlich nie erfahren, was tatsächlich geschehen ist», sagt Russland-Kenner Salikow. «Ich glaube nicht, dass er Putin das verzeihen wird. Genau deshalb hat er eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich versammelt – Männer, die seinem Vater die Treue hielten und keinen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterzeichneten.»
Um ein echter Gegner Putins zu werden, braucht es allerdings nicht nur persönliche Kränkung, sondern Geld, Waffen, Anhänger und Kämpfer. In der Zentralafrikanischen Republik scheint Pawel Prigoschin Anerkennung zu gewinnen - und die aus seiner Sicht billige Kopie des vom Verteidigungsministerium geschaffenen «Afrikanischen Korps» auszustechen.
Die weiteren Intentionen Prigoschins sind bislang unklar. Offensichtlich ist, dass er sich den Regeln, die der Kreml nach der Wagner-Ära erlassen hat, offen widersetzt. Denen zufolge sollen alle privaten Militärstrukturen dem Verteidigungsministerium unterstellt werden.




