Gottlieb Duttweiler hatte die Wahl nach der Wahl. Der Migros-Gründer war auch Gründer des Landesrings der Unabhängigen und wurde 1935 gleich in drei Kantonen als Nationalrat gewählt. In Bern, St.Gallen und Zürich gelang ihm jeweils mit Bestresultat der Sprung in die grosse Kammer. Nicht einmal Hansdampf Duttweiler konnte sich dreiteilen und musste sich schliesslich entscheiden: Er übernahm den Berner Sitz.
Der dreifache Duttweiler machte den anderen Parteien Bauchschmerzen – sie zimmerten eilig ein eigenes Gesetz, das die Kandidatur in mehr als einem Kanton verbot. Pünktlich auf die nächsten Wahlen 1939. Duttweiler wurde wiedergewählt. Er trat aber aus Protest vorzeitig zurück – nur um 1943 wieder zu kandidieren. Dieses Mal aber für den Kanton Zürich.
Später war Duttweiler auch noch kurze Zeit Zürcher Ständerat und anschliessend bis ans Lebensende Nationalrat, dann aber wieder für die Berner. Gewohnt hat er stets im Kanton Zürich. Ebenfalls für zwei unterschiedliche Kantone sass Guillaume Henri Dufour im Nationalrat: Erst für das Berner Seeland (1848 bis 1851), später für Genf (1854 bis 1857).
Zürcherin politisiert für Bergkanton
Neben den historischen Beispielen für Nationalräte, die Kantonsgrenzen locker überwinden, gibt es durchaus auch aktuelle Beispiele. Das bekannteste: Magdalena Martullo-Blocher. Die Zürcherin sitzt für den Kanton Graubünden im Bundeshaus. Weder ihr Daheim noch ihr Büro ist im Bergkanton – wohl aber die Firma Ems, die ihr gehört.
Warum genau die Tochter von Christoph Blocher wirklich in Graubünden kandidierte, wurde nie ganz geklärt. Die Theorien gehen von Retourkutsche für die Abspaltung der BDP bis zu einem Ausweichen von Papas grossen Fussstapfen. Auch bei ihr ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass sie noch einen Kantonswechsel vollzieht – wegen der Bevölkerungsentwicklung verliert Graubünden für die nächsten Wahlen einen seiner fünf Sitze.
Bewusst als Ausserkantönler wurde auch Tim Guldimann gewählt. Der Schweizer Botschafter in Berlin zog 2015 für die SP Zürich in die grosse Kammer ein. Seinen Lebensmittelpunkt behielt Guldimann stets in Berlin. Bereits nach drei Jahren hatte er genug vom Pendlerleben von Hauptstadt zu Hauptstadt. Als einen der Gründe führte er an, dass er «nicht im Berliner Milieu leben und in der Schweiz Politik machen kann», wie er dem Tages-Anzeiger sagte.
Sogar ein Grenzgänger im Parlament
Ohne schlechtes Gewissen vertrat Andreas Gross die Zürcher SP, während er im jurassischen Saint-Ursanne wohnte. Die Zürcherinnen und Zürcher wählten ihn wiederholt wieder, auch wenn er es aus seinem Wohnort nie ein Geheimnis machte. Damit hatte er mehr Erfolg als der kürzlich verstorbene Jean Ziegler. Der Genfer kandidierte 1999 auf der Liste der Zürcher Juso. Vorher war er viele Jahre Abgeordneter seines Heimatkantons.
Ein Grenzgänger im wahrsten Sinne des Wortes ist Rudi Berli. Der Genfer Nationalrat (Grüne) wohnt ennet der Schweizer Grenze in Frankreich. Da er im teuren Genf keine passende Bleibe mehr gefunden hat.
Aus sehr pragmatischen Gründen hat Stefano Franscini die politische Heimat gewechselt. 1854 schaffte er die Wiederwahl im Tessin nicht. Zu dieser Zeit war Franscini Bundesrat. Damals war es üblich, dass sich Bundesräte durch eine Wahl in den Nationalrat legitimieren liessen. Da im Kanton Schaffhausen ein zweiter Wahlgang nötig wurde, stellten die Freisinnigen Franscini kurzerhand da auf. Die Mission klappte. Und so wurde der Tessiner zum einzigen Bundesrat, den der Kanton Schaffhausen bis heute stellte.



