Die Grosspraxen fühlen sich durch den Branchenverband Physioswiss nicht mehr vertreten und ziehen die Reissleine: Am Dienstagabend beschlossen sie, sich abzuspalten und einen eigenen Verband zu gründen. Er trägt den Namen Prophysio.
Der Konflikt schwelt schon länger. Auslöser ist der neue Tarif für die Physiotherapie. Dieser spaltet die Branche. Auf der einen Seite stehen Einzelpraxen, die vom Wechsel vom Pauschal- zum Zeittarif profitieren. Auf der anderen Seite befinden sich grosse Physiotherapie-Zentren. Sie befürchten, dass sich ihre hohen Infrastrukturkosten mit dem neuen Tarif nicht mehr decken lassen.
Die Vertreterinnen und Vertreter der Grosspraxen haben sich längst zusammengeschlossen und als Verein Physio 140 breit Kritik am neuen Tarif geübt. Mit dem neuen Verband wollen sie sich nun einen Platz am Verhandlungstisch sichern. Gemäss eigenen Angaben setzen sie sich für eine «moderne, evidenzbasierte und wirkungsorientierte» Physiotherapie ein.
Noch am Vortag hatten der Branchenverband Physioswiss, zusammen mit den Krankenkassen und Spitälern (Tarifpartner) versucht, die Kritik am neuen Tarif zu entkräften. Unter dem Titel «Die Tarifpartner stellen die Fakten klar» erklärten sie, die neue Tarifstruktur bilde die physiotherapeutischen Leistungen modern, sachgerecht und transparent ab. Es gehe weder darum, Leistungen einzuschränken noch Vergütungen zu senken, schreibt der Verband in seiner Medienmitteilung. Die Reform sei kein Sparprogramm.
88 Prozent beklagen die finanzielle Situation
Der neue Verband übt hingegen grundlegende Kritik. Aus seiner Sicht ist der neue Tarif eine Fehlkonstruktion. Um den Unmut zu belegen hat der Verband eine Studie beim Forschungsinstitut Sotomo in Auftrag gegeben. Befragt wurden 2800 der rund 20'000 Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in der Schweiz. Rund 89 Prozent gaben an, Freude an ihrem Beruf zu haben. Fast ebenso viele beklagen jedoch ihre schlechte finanzielle Situation.
Prophysio verspricht eine bessere Interessenvertretung, die den Veränderungen in der Physiotherapie Rechnung trägt. Wie sich das konkret auswirken soll, bleibt allerdings offen. Wer sich vom neuen Verband schlicht höhere Einnahmen für die gesamte Branche erhofft, dürfte am Ende enttäuscht werden. Denn der Bundesrat gibt die Grundlage für jede neue Tarifstruktur vor: Sie darf insgesamt nicht mehr kosten als bisher. Anders gesagt: Am Ende geht es vor allem darum, wie das vorhandene Geld innerhalb der Branche verteilt wird.


