Seit US-Präsident Donald Trump den transatlantischen Wettbewerb um zukunftsweisende Investitionen der hochproduktiven Pharmaindustrie so richtig in Gang gebracht hat, nimmt auch das politische Lobbying dieser für ganz Europa wichtigen Branche deutlich zu. Das zeigt ein offener Brief, den der britische Konzern Astrazeneca an verschiedene wirtschaftspolitische Entscheider auf dem Kontinent verschickt und am Dienstag veröffentlicht hat,
Das Schreiben, das von den Präsidenten von sechs der bedeutendsten Medikamentenhersteller in Europa unterzeichnet ist, darunter auch Giovanni Caforio von Novartis und Severin Schwan von Roche, hält mit dunklen Vorhersagen nicht zurück:
«...bevor es zu spät ist»
Allein in den vergangenen zwei Jahren habe die Pharmaindustrie in den USA und in China Investitionen im Umfang von 600 Milliarden getätigt. «Die europäischen Regierungen müssen Bedingungen schaffen, die Investitionen in Medikamente der nächsten Generation anziehen, bevor es zu spät ist», heisst es in dem Schreiben.
Die Warnungen sind nicht neu und sie kommen auch nicht nur von der Branche selbst: Der frühere europäische Notenbankchef Mario Draghi warnte in seinem Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit, den er vor zwei Jahren vorgestellt hatte, vor der «schleichenden Agonie» von Schlüsselsektoren wie Pharma, wenn nicht schnell etwas geschehe.
1990 habe Europa noch 43 Prozent der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen in der Pharmaindustrie verantwortet, inzwischen seien es noch 31 Prozent, zitiert der Brief den Draghi-Report. In nur einem Jahrzehnt habe sich die Zahl klinischer Medikamentenstudien in Europa auf 9 Prozent halbiert. Die Studien könnten den Spitälern zusätzliche Einnahmen und den Patienten neue Möglichkeiten bringen, schreiben die Pharmalobbyisten. Aber weil sie nicht stattfänden, kämen 40 Prozent der neuen Therapien gar nie nach Europa, und wenn sie dennoch den Weg hierher fänden, betrage die Wartezeit bis zum Beginn einer Therapie nahezu 600 Tage.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Die europäischen Regierungen müssten über ihre Gesundheitssysteme mehr Geld für innovative Medikamente ausgeben. Die EU‑Kommission könnte ihre fiskalischen Vorgaben an die Mitgliedsländer lockern und so dem langfristigen Wohlstandseffekt solcher Investitionen Rechnung tragen, schlagen die Lobbyisten vor.
Alte Bekannte
Das ist in Anbetracht der hohen Verschuldung vieler, auch grosser Länder in Europa, ein geradezu zynischer Vorschlag. Er zeigt, wie die Branche die Wirtschaftsschwäche dieser Länder zu nutzen versucht, um ihren eigenen Interessen zum Durchbruch zu verhelfen.
Ein Beispiel dafür ist Astrazeneca. Das Unternehmen liegt schon länger im Streit mit dem staatlichen britischen National Healtcare Service (NHS) über höhere Medikamentenpreise. Dabei weiss der Konzern selbstredend um das akute Budgetproblem, das die sich in kurzer Folge ablösenden Regierungen in London dringend beseitigen müssten, aber nicht können.
Vor Jahresfrist drohte die in Cambridge ansässige Firma mit einem generellen Investitionsstopp auf der Insel. Eine geplante Erweiterung der Forschungseinheit am Hauptstandort und der Ausbau der Impfstoffproduktion in Liverpool im Gesamtwert von 650 Millionen Pfund wurden abgeblasen. Stattdessen kündigte der Konzern im Januar Investitionen in China im Umfang von 15 Milliarden Dollar an.
An der Spitze von Astrazeneca sitzt als Präsident der frühere ABB-Finanzchef und spätere Syngenta-Präsident Michel Demaré, unter dem der ehemals schweizerische Hersteller von Pflanzenschutzmitteln an einen chinesischen Staatskonzern veräussert wurde. Mit Pascal Soirot wirkt ein ehemaliger Top-Manager von Roche als CEO. Die beiden machen gerade vor, wie Pharmalobbying in wirtschaftlich angespannten Zeiten gehen kann.



