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Peach Weber

Das Ende naht

Eine Packung Teigwaren löst bei Kolumnist Peach Weber ernste Gedanken aus. Doch dann macht er einen Deal mit dem Sensenmann.
Komiker Peach Weber an seinem Lieblingsplatz in seinem Garten in Häggligen AG.
Bild: Sandra Ardizzone

Keine Angst, kein Weltuntergangsszenario, es geht um mein Ende. Vorerst nicht um das meines Lebens, sondern um das Ende meines Jobs als Humordienstleister. Ich habe vor 18 Jahren meine Abschiedsvorstellung für das Jahr 2027 angesagt und den Vorverkauf eröffnet. Aus einem Jux heraus entstanden, sind es jetzt drei Vorstellungen mit insgesamt 30'000 Menschen geworden.

Zugegeben, die Eintrittspreise sind lächerlich tief. Bei der ersten Vorstellung dachte ich mir: Lieber das Hallenstadion einigermassen füllen, als sich mit hohen Preisen vor leeren Rängen blamieren. Als Kniff habe ich aber veranlasst, dass die Tickets immer an meinem Geburtstag einen Franken teurer werden, doch das macht die Ente auch nicht fett.  Mein Ziel war einfach, einen grossen Check für gute Zwecke spenden zu können und anschliessend den erreichten Weltrekord (Längster Vorverkauf der Welt) zu feiern.

18 Jahre lang habe ich die ganze Sache einfach laufen lassen und mir keine grossen Gedanken gemacht. Auch als ich 65 wurde, war mir klar, dass ich weitermache, solange es mir und den Leuten Freude bereitet. Konnte ich etwa nicht loslassen? Doch, aber ich sagte mir: Nicht jeder findet im Alter etwas, was ihm noch richtig Freude macht, also sei dankbar.

Seit einigen Monaten aber merke ich, dass es langsam Ernst wird. Spätestens als ich ein Pack Nudeln kaufte, welches ein Verfallsdatum von Ende 2027 hatte, dachte ich mir: Hoffentlich ist meines nicht kürzer.

Es ist grundsätzlich so, dass ich eigentlich lieber beim Machen sterben würde als beim Warten. Am liebsten so wie mein Vater. Er wollte nur noch vor dem Mittagessen schnell seine Orchideen giessen und starb, in der Vorfreude auf den Teller Spaghetti, die er so liebte, an einem Herzstillstand. Brutal für die Angehörigen, aber das wünschen sich viele, auch ich. Oder wie es ein alter Mann sagte: Am liebsten abends einschlafen und am Morgen tot erwachen.

Letzthin läutete es an der Haustüre, ich öffnete und sah einen seltsamen Mann, schwarz gekleidet und über der Schulter eine Sense. Instinktiv sagte ich: «Ich kaufe nichts an der Türe, schon gar keine Sense, ich habe einen Rasenmäher!» Natürlich ahnte ich schon seine eigentliche Mission. Der Mann sprach mit knarziger Stimme: «Peach, es ist soweit, du musst weder Zahnbürste noch frische Unterhosen mitnehmen, einfach mitkommen.» Ich war verwirrt, denn erstens hatte ich keine Ahnung, wann wir zwei Duzis gemacht haben könnten und zweitens hatte ich ganz andere Pläne für den heutigen Tag, nämlich sinnigerweise Rasenmähen.

Spontan antwortete ich: «Hey Sensy, komm doch erst mal rein auf ein Bier, ich möchte dir einen Deal vorschlagen.» Zu meinem Erstaunen folgte er meiner Einladung und wir setzen uns an den Stubentisch. Seine Stimmung hellte sich auf, als ich ihm ein Bier der Marke «Chopfab» anbot, das weckte wohl schöne Fantasien.

Er fragte: «Was soll der Deal sein? Mit mir hat noch niemand einen Deal machen können, schon die Verzögerung durch das Bier ist eine absolute Ausnahme. Mach deinen Vorschlag!»

Also versuchte ich es: «Lass mich doch diese drei Abschiedsvorstellungen noch machen, nach der Checkübergabe lasse ich dir freie Hand, du kannst mich auch direkt von der Bühne holen. Das wäre doch spektakulär!»

Jetzt schaute er etwas verwirrt und meinte: «Ich hatte eigentlich erwartet, dass du von mir noch zehn, 20 Jahre Aufschub möchtest. Deine Bescheidenheit rührt mich zu Tränen. Heute wollen doch alle Menschen möglichst lange leben, egal was es kostet und wie sinnvoll es ist. Das Wort Longevity, wie ich es hasse! Damit wollen sie mir ins Handwerk pfuschen und merken nicht, was das für eine Selbstüberschätzung ist! Ich werde dir deinen vernünftigen Wunsch erfüllen. Einzige Bedingung, ich bekomme ein Freibillett.»

Wir umarmten uns, es klapperte leicht unter seinem Mantel und er zog von dannen. Gut, ich weiss nicht, ob man auf sein Wort zählen kann oder ob es womöglich nur ein Fiebertraum war.

Weil ich jetzt, acht Jahre nach meiner Pensionierung, immer noch weitermache, habe ich oft gehört: «Ah, dann bist du noch fit.» Nein, das hat mit Fitsein nichts zu tun, bestenfalls mit «einigermasse zwäg». Damit sollte man auch zufrieden sein im Alter. Warum wollen wir uns gegen das Naturgesetz wehren, ab 30 geht es mit uns tendenziell bergab. Wenn man demütig und schlau ist, findet man sich damit ab. Insgeheim hoffe ich aber schon, dass ich meine Nudeln überlebe.