
Die Ersten waren schon ab 5:30 Uhr auf dem Cibeles-Platz vor dem Madrider Rathaus. Bewaffnet mit Fächern, Wasserflaschen und Mützen wollten sie sich die besten Plätze sichern. Eine gute Idee. Denn als Papst Leo XIV. im Papamobil vier Stunden später über den Paseo de la Castellana angefahren kam, war kaum noch ein freier Platz auf der 10-spurigen Hauptverkehrsader zu bekommen – geschweige denn auf dem Cibeles-Platz.
Bereits eine Stunde vor Beginn seiner Fronleichnamsmesse musste die Polizei die Strassen in einem Radius von einem Kilometer absperren. Über 1,2 Millionen Gläubige wollten an diesem heissen Sonntagmorgen der Messe des Pontifex beiwohnen. Auch die spanische Königsfamilie war gekommen.

Belén und Jorge waren mit ihren beiden Kindern dabei. «Wir sind praktizierende Katholiken, gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Doch mit so vielen Gleichgesinnten das Fronleichnamsfest mit dem Papst zu feiern, war wirklich etwas Spezielles», sagt Jorge.
Papst Leo rief Spaniens Katholiken auf, sich auf die Wurzeln ihres Glaubens zu besinnen und zugleich aktiv für Nächstenliebe und Gerechtigkeit einzutreten. «Ich habe einen Auftrag an das Spanien von heute und morgen: Dass die Frömmigkeit, die seit Jahrhunderten dieses Land beseelt, kein Museum sein möge, sondern eine Schule des Glaubens.»

Auch wenn die massive Teilnahme am Gottesdienst seine Befürchtungen unbegründet erscheinen lässt, hat auch die Kirche in Spanien mit schweren Zeiten zu kämpfen. In nur 15 Jahren ist die Zahl bekennender Katholiken von 71 auf 54 Prozent gesunken. Taufen und kirchliche Eheschliessungen sind auf einem historischen Tiefstand. Hinzu kommt der auch in Spanien zunehmende Priestermangel.
Die jungen Menschen fühlen sich angesprochen
Doch von all dem ist dieser Tage in Madrid nichts zu spüren. Spaniens Hauptstadt befindet sich in einem regelrechten Papstrausch. Bereits am Samstagabend platzte während der Jugendgebetsmessen auch die Plaza de Lima vor dem Fussballstadion von Real Madrid aus allen Nähten. 500'000 hauptsächlich junge Menschen waren gekommen. Immer wieder sangen sie in Sprechchören «Das ist die Jugend des Papstes».
«Wir jungen Menschen stehen vor vielen Problemen», sagt die 19-jährige Raquel Serrano aus Madrid. «Fehlende Jobperspektiven, unbezahlbare Wohnungen. Für viele von uns ist auch der Druck in den sozialen Medien erdrückend», sagt die junge Frau. In diesem Zusammenhang hat der Madrilenin vor allem die Fragerunde mit dem Papst gefallen: «Es waren keine theologischen Antworten, sondern wirkliche Ratschläge».

Die gab Leo XIV. gleich am Samstag zur Begrüssung im Königspalast. Er warnte vor den «fruchtlosen Vereinfachungen» des Populismus, der die Gesellschaft polarisiere. Auf dem Flug von Rom verurteilte der Papst erneut den Iran-Krieg. Russlands Präsidenten Putin forderte er zu Verhandlungen mit der Ukraine auf. «Man muss Druck ausüben, damit Gewalt und Krieg enden und eine Lösung gefunden wird», so der Pontifex. Er sprach vom notwendigen Kampf gegen soziale Armut und über das Migrationsdrama.
Doch König Felipe VI. erinnerte ihn an ein Thema, vor dem er sich eigentlich drücken wollte. Der durch Missbrauchsfälle in der Kirche verursachte Schmerz müsse «mit Klarheit und Festigkeit» aufgearbeitet und repariert werden, so Spaniens Monarch. 70 Prozent der Spanier sind laut jüngsten Umfragen davon überzeugt, die Kirche decke immer noch die Täter.
Nachdem bekannt wurde, der Papst werde sich nicht mit Missbrauchsopfern treffen, wurde der gesellschaftliche und mediale Druck in Spanien aber so gross, dass der Papst schliesslich für diesen Montag einem Treffen zustimmte. Doch die grossen zivilen Opferverbände sind enttäuscht. «Der Papst trifft sich lediglich mit ein paar von der Kirche ausgewählten Opfern, die keine unangenehmen Fragen stellen werden», sagt Juan Cuatrecasas, Präsident des Nationalen Verbandes für gestohlene Kindheit (ANIR), im Gespräch mit Schweiz heute. Das sei «inakzeptabel» und «traurig».
Am Mittwoch fliegt der Papst weiter nach Barcelona, um den Jesus-Turm der Sagrada Família einzuweihen. Danach geht es weiter auf die Kanaren, wo Leo XIV. bis zum 12. Juni das dortige Migrationsdrama in den internationalen Fokus stellen will.

