
Es handelt sich um 17 Dokumente, die das Terrorismus-Zentrum der US-Militärakademie West Point ausgewertet und jetzt unter dem Titel «Letters from Abbotabad» («Briefe aus Abbotabad») online gestellt hat. Sie sind ein kleiner Teil von rund 6000 Seiten Aufzeichnungen, die in arabischer Sprache verfasst sind und aus der Zeit von September 2006 bis April 2011 stammen.
Die privaten Briefe, die an verschiedene Al-Kaida-Führer in Pakistan, Jemen, Somalia und den USA gerichtet sind, zeigen, dass Bin Laden – wenigstens in den letzten Jahren – nicht der alles beherrschende und kontrollierende Terrorfürst war. Vielmehr ärgerte er sich heftig über die oft selbstherrlichen, aber in seinen Augen unfähigen regionalen Gruppen der Kaida (vgl. nebenstehenden Artikel). Auch war er tief besorgt über den Tod von islamischen Zivilisten, vor allem Frauen und Kindern, die den Attentaten der regionalen Kaida-Gruppen zum Opfer fielen.
Der letzte Brief
Bin Ladens allerletzter Brief datiert vom 25. April 2011, wurde also eine Woche vor seinem Tod verfasst. Er widerspiegelt die Reaktion des Kaida-Chefs auf den Arabischen Frühling. Zum Zeitpunkt des Schreibens waren die Präsidenten von Tunesien und Ägypten, Ben Ali und Mubarak, bereits gestürzt. Bin Laden dürfte die Umwälzungen in der arabischen Welt in seinem Unterschlupf in Abbotabad vor dem Fernseher verfolgt haben. Und was er sah, gefiel ihm offensichtlich.
Es handle sich um ein «herausragendes Ereignis», schrieb er, einen Wendepunkt in der modernen Geschichte der «Umma», der islamischen Gemeinschaft. Und er war überzeugt, dass der Umstürze in Tunesien und Ägypten einen Domino-Effekt auslösen würden und der «Sturz der anderen Tyrannen in der Region unvermeidlich» sein werde. Allerdings müssten die Aufständischen vor «halben Lösungen» gewarnt werden. Damit sprach Bin Laden die Moslembruderschaft an. Ihr warf er vor, vom «richtigen Weg» abzukommen, weil sie sich bereit erklärte, ihr Ziel auf demokratischem Weg über die Bildung von Parteien und Wahlen zu erreichen.
Bin Laden plante PR-Kampagne
Um dem Arabischen Frühling zum Durchbruch zu verhelfen, hatte sich Bin Laden zwei Strategien zurechtgelegt. Die eine zielte direkt auf die betroffenen Staaten: Mit einer breiten PR-Kampagne sollten die Menschen zum Aufstand gegen ihre Herrscher angestachelt werden. Die zweite Strategie war auf Afghanistan gerichtet. Dort sollten die Dschihadisten ihren Kampf gegen die USA fortsetzen. Dadurch, so glaubte Bin Laden, würden die Aufständischen in der Arabischen Welt ermutigt. Ausserdem würden die USA in einen Abnützungskrieg gezogen, der es Washington unmöglich machen würde, den bedrängten Herrschern in der arabischen Welt militärisch zur Hilfe zu eilen.
Etwas scheint der Kaida-Chef in seinem einsamen Versteck in Pakistan freilich nicht mitbekommen zu haben: Drei Wochen bevor er in seinem letzten Brief die beiden Strategien darlegte, hatte in Libyen der internationale Militäreinsatz begonnen, an dem auch die Amerikaner beteiligt waren. Im Oktober wurde der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi von Aufständischen gefangen genommen und getötet. Es war die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und namentlich der USA, die der libyschen Revolution zum Erfolg verhalf. Bin Laden war damals schon ein halbes Jahr tot. Der Kaida-Chef hatte sich auch in seinem letzten Brief getäuscht.