Der Dienstag, der 28. April, ist der Tag des polizeilichen Grosseinsatzes. Mitten auf der Strasse Basels wird ein Mann mit vorgehaltenen Pistolen aus einem Auto heraus verhaftet. Beim Basler Bankenplatz fahren Polizeiwagen vor. Orchestrierte Polizeikorps starten zahlreiche Hausdurchsuchen nicht nur in der Region Basel, sondern auch im benachbarten Ausland und in weiteren Kantonen.
Am gleichen Tag vermelden das Bundesamt für Polizei (Fedpol) und die Bundesanwaltschaft einen Schlag gegen die organisierte Kriminalität. Sechs Personen seien unter dem Verdacht der Beteiligung an einer kriminellen Organisation festgenommen worden. Dabei eine Person, die im Sicherheitsdienst des Fedpol tätig sei. Ihr wird vorgeworfen, vertrauliche Informationen gegen Entgelt weitergegeben zu haben.
Medienrecherchen haben ergeben, dass es sich bei diesem mutmasslichen Maulwurf um einen ehemaligen Mitarbeiter der Basler Polizei handelt. Auch dessen Frau wurde gemäss «Tages-Anzeiger» und SRF verhaftet. Spekulative Geschichten berichten seither vom Kampf gegen die «Drogenmafia».
Geldtransfer-Firma als Hort der Geldwäscherei
Ein vorliegender Durchsuchungsbefehl sowie zwei unabhängige Quellen besagen, dass die Hausdurchsuchungen und Verhaftungen zwar auch eine Aktion gegen die Drogenkriminalität waren, sich vor allem aber gegen die damit verbundene Geldwäscherei richteten. Im Visier steht dabei eine von der Schweiz aus agierende Geldtransfer-Gesellschaft.
Am Montag erfolgte eine indirekte Bestätigung durch die Zürcher Strafverfolgungsbehörden: Bei einer ebenfalls am 28. April erfolgten Aktion gegen ein internationales Geldwäscherei-Netzwerk seien fünf Personen verhaftet worden. Ihnen wird vorgeworfen, über Jahre systematisch Gelder verbrecherischer Herkunft in Millionenhöhe ins Ausland transferiert zu haben. Die Beträge stammten vor allem aus Betrugsdelikten und dem Drogenhandel.
Zu den erwähnten Betrugsdelikten war es am 28. April ebenfalls zu einer Grossaktion gekommen: Unter Führung der Zürcher Strafverfolger wurden bei zahlreichen Durchsuchungen zehn Personen verhaftet, wobei neun von ihnen einer nigerianischen Bruderschaft angehören. Ihnen werden Liebesbetrug (Romance Scam) und weitere Cyber-Betrugsdelikte mit Schäden in Millionenhöhe vorgeworfen.
Die zentrale Person steuert das Geschäft aus Ungarn
Aus ermittlungstechnischen Gründen machen die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Zürich und des Bundes keine weiteren Angaben. Ein Zusammenhang der drei unabhängig voneinander kommunizierten Aktionen wird auf Anfrage entsprechend weder bestätigt noch dementiert.
Vorliegende Unterlagen zeigen die Hintergründe des Geldwäscherei-Netzwerks. Dieses hat seinen Hauptsitz in Zürich, die wichtigen Schweizer Filialen befinden sich jedoch an der Rue de Berne in Genf und an der Clarastrasse in Basel. In Basel lebt auch der eingetragene Verwaltungsratspräsident H.K, ein gebürtiger Türke, der zuvor schon als Discobetreiber, Import-Export-Händler und Immobilientreuhänder aufgetreten ist.
Die zentrale Figur ist S.S., ein gebürtiger Russe, der seit einigen Jahren in Ungarn lebt und nach neueren Dokumenten die rumänische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Die Spezialität des studierten Juristen ist es, Gelder auch in schwierigen Konstellationen zu verschieben.
Am Pranger der Ukraine – wie auch der russischen Justiz
Seine ersten Spuren hinterliess er als Vertreter einer russischen Niederlassung einer libanesischen Bank. In dieser Funktion organisierte er 2015 in Donezk, dem von Russland besetzten ukrainischen Staatsgebiet, den Geldtransfer. Er unterlief damit die verhängten Sanktionen, die das Bankensystem in der Region faktisch stillgelegt hatte. Diese Aktion brachte ihn auf die Prangerliste einer ukrainischen Plattform.
Doch S.S. hatte sich auch mit seinem Arbeitgeber überworfen. Diese wollte bei ihm offenkundig vergeblich eine Darlehensforderung eintreiben, wie aus einem Urteil eines Moskauer Bezirksgerichts aus dem Jahr 2022 hervorgeht. Doch zu diesem Zeitpunkt war er längst in Westeuropa tätig.
In der Schweiz ist S.S. seit 2020 aktenkundig. Er kaufte sich bei einer bestehenden Zürcher Wechselstube ein, die er umbenannte. Die Kontakte liefen über südamerikanische Partner, mit denen er bereits in Schweden tätig gewesen ist. Aus Unterlagen des Handelsregisters geht hervor, dass die Schweizer Firma weiterhin S.S. gehört, auch nachdem er im vergangenen November aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden ist.
Die Griechen handelten, die Schweizer nicht
Die Schweizer Firma, die das reputationsversprechende «Swiss» im Namen trägt, ist international breit aufgestellt. Neben den südamerikanischen und osteuropäischen Kontakten gehört eine indischstämmige Person ins Umfeld, die aktuell aus Dubai agiert. Gemäss einem vorliegenden Jahresabschluss führt sie auch Tochterfirmen in Brasilien und im Senegal.
Die Schweizer Firma war auch Ausgangspunkt, um mit griechischen Partnern in Athen tätig zu werden. Über Griechenland spannte S.S. das Netz mittels Zweigniederlassungen nach Deutschland. Den griechischen Behörden war das Konstrukt nicht geheuer. Wie aus einer Verfügung hervorgeht, entzogen sie der Firma im Februar dieses Jahres die Lizenz: Es bestünden schwerwiegende Verstösse gegen Verpflichtungen zur Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.
Keine Bedenken hat seit 2021 die Schweizer Selbstregulierungsbehörde Polyreg. Diese bestätigt auf Anfrage eine aktuelle Mitgliedschaft der Firma.
Wem der Fedpol-Mitarbeiter konkret Informationen verkauft haben soll, ist derzeit nicht bekannt. Im Basler Milieu werden verschiedene Geschichten herumgeboten. Bis zu: Indiskretionen aus dem Ermittlungsapparat seien im Abonnement mit unterschiedlichen Laufzeiten angeboten worden. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Der Basler Fedpol-Mitarbeiter ist freigestellt. Die Basler Geldtransfer-Filiale ist weiterhin geöffnet.


