
Mehrere Dutzend Männer in Hemd und Anzug unterhalten sich unter einer Überdachung. Plötzlich bricht Panik aus, die Männer rennen zurück zum Gebäude, manche werfen sich zu Boden, blicken verängstigt auf den Parkplatz vor ihnen. Das Video zeigt den Beginn eines tödlichen Angriffs auf Trauernde in einer ländlichen Kirche im Umland von Karak, Jordanien.
Im selben Moment, festgehalten aus einem anderen Blickwinkel, treten hinter den Olivenbäumen und der Mauer zwischen Gebäude und Parkplatz drei Männer hervor, in den Händen halten sie Pistolen und ein Sturmgewehr, schussbereit, einer trägt einen schwarzen Rucksack auf dem Rücken, ein anderer die rote jordanische Kufija auf dem Kopf. Ihre Gesichter sind gut sichtbar. Die Angreifer zielen in Richtung des Gebäudes, verstecken sich wieder, dann rennen sie hin, die Waffen ausgestreckt. Schüsse werden abgefeuert, mindestens zwei Männer liegen inzwischen am Boden, regungslos. Ein Angreifer wechselt das Magazin des Gewehrs.
Am Ende der Attacke sind acht Menschen tot, etwa 40 liegen verletzt in den Spitälern von Karak. Später stirbt noch ein weiterer Mann an seinen Verletzungen. Die Täter sind auf der Flucht, das Land in Alarmbereitschaft. Kommunikationsminister Mohammad Momani sagt auf einer Pressekonferenz, der Angriff sei von einer «takfiri»-Ideologie geleitet worden - ein arabisches Wort, das man mit radikalem Islamismus und dem Denunzieren von «Ungläubigen» in Verbindung bringt.
«Jeder Angriff auf einen Jordanier, unabhängig von Religion oder Weltanschauung, ist ein Angriff auf die jordanische Gesellschaft als Ganzes», so der Minister. König Abdullah II. besuchte in militärischer Camouflage die Überlebenden und versprach «härteste Vergeltung». Premierminister Jafar Hassan kündigte eine umfassende Sicherheitsreaktion sowie strenge rechtliche Massnahmen gegen Extremismus an.

Doch der Schaden ist angerichtet. Jordanien gilt als Friedensoase inmitten eines Feuerrings; zumindest verglichen mit den Nachbarländern Syrien, Israel, Palästina, Saudi-Arabien und Irak war die Lage im haschemitischen Königreich bislang ruhig. NGOs aus aller Welt haben hier ihre regionalen Hauptbüros. Das Land gilt als Verbündeter des Westens. Nach der Tat hat nun die US-Botschaft eine Sicherheitswarnung herausgegeben.
Die Region den Salafisten überlassen
In den letzten Jahren haben die vielen regionalen Kriege und die Einschnitte bei den Hilfsgeldern die heimische Wirtschaft bereits gebeutelt, Touristenzahlen sinken lassen und die Arbeitslosigkeit befeuert. Militante Gruppen in den Nachbarländern versuchen seit dem Krieg in Gaza immer wieder, die Bevölkerung gegen die Führungselite aufzuhetzen, wegen ihrer Abkommen mit Israel und der Nähe zu den USA. Doch arabische Christen leben hier seit der Zeit Jesu. Zwar stehen vor den Kirchen an Weihnachten stets Polizeiwagen parat, ein Angriff mit Toten hatte es jedoch noch nie gegeben. Bis jetzt.
Der jordanische Politikexperte Amer al-Sabaileh findet, es sei klar, dass dies ein gut geplanter Anschlag war. Die Täter kannten offenbar das Gebiet. Überrascht sei der Experte nicht. «Nach Jahren der Vernachlässigung dieser Gegend, die den Salafisten überlassen wurde, kann man von dieser bitteren Realität nicht überrascht sein», sagt er.

Die Provinz Karak ist ein ländliches, von Stämmen geprägtes Gebiet, etwas abgeschottet von den grösseren Zentren des Landes. 2016 hatte es bereits einen Anschlag gegeben, der auf IS-Zellen zurückging, allerdings traf er Sicherheitskräfte und Touristen.
Polizeischutz für Kirchen in der Hauptstadt
Die Anspannung ist im ganzen Land ist nach dem Anschlag hoch. Selbst in der Hauptstadt Amman stehen am Freitagabend Polizeifahrzeuge mit Blaulicht vor den vielen Kirchen. Im Touristenviertel Jabal Amman winkt ein Polizist höflich, aber resolut ab, nicht mal Journalistinnen dürfen Bilder schiessen.
Im wohlhabenden Swefieh haben sich vor der griechisch-orthodoxen Kirche christliche Vertreter, Stammesoberhäupter und mehrere Dutzend Menschen versammelt. Einige halten flackernde Kerzen in der Hand, so wie eine Frau in weisser Jacke und Rock. Sie heisst Hind Hamed und ist eine bekannte Sängerin und Schauspielerin in Jordanien. «Ich bin Muslimin und bin hier mit meiner christlichen Freundin», sagt sie und deutet auf die Frau in Jeans neben ihr. «Es war fürchterlich, als wir davon erfahren haben. Wir sind wie eine einzige Familie hier.»
Von besonderen Problemen oder Anfeindungen in der Gemeinschaft wüssten sie nichts, so die beiden. Vor allem in Karak habe die Solidarität zwischen Muslimen und Christen historische Wurzeln. Der Präsident des Orthodoxen Vereins, Bassem Farraj, sagt dazu: «Es ist ein dunkler Tag für Jordanien.»
