
Wer an Nestlé denkt, denkt hierzulande in erster Linie an Marken wie Thomy, Nescafé oder Cailler. Vergessen geht dabei, dass Nestlé der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt ist. Entsprechend vielfältig ist sein Produkteportfolio, voller Artikel, die Schweizer Konsumenten nie zu Gesicht bekommen.
Am Hauptsitz in Vevey VD hat Nestlé jeweils eine Auswahl des internationalen Ausgebots ausgestellt, von Pistazien-Sauce für Eiscrèmes über Energie-Tabletten für nordamerikanische Drogerien bis hin zu Maggi-Gewürz-Würfeln, die in zahlreichen Ländern Afrikas beliebt sind.
Zu sehen sind derzeit auch neue, tiefgefrorene Mahlzeiten, die offensichtlich in erster Linie für US-Konsumentinnen und -Konsumenten gedacht sind – obwohl der Name der Marke auch hierzulande Fans hat. Und zwar verkauft Nestlé sogenannte TV-Dinners zum Aufwärmen in der Mikrowelle unter dem Namen der berühmten Fernsehshow «Yellowstone» mit Kevin Costner in der Hauptrolle (zum Streamen verfügbar auf dem CH-Media-Portal Oneplus).
Naive Öko-Fundis und Macho-Getue
Die erfolgreiche, moderne Westernserie lief fünf Staffeln lang bis Ende 2024 und hat eine grosse Fangemeinschaft aufgebaut. Dabei geht es um den Rancher John Dutton, gespielt von Hollywood-Veteran Kevin Costner («The Bodyguard», «Dances with Wolves»), und seine Familie, die rücksichtslos ihr Erbe Montana verwalten und sich dabei gegen böse Kapitalisten, arrogante Demokraten und naive Umweltaktivisten schützen müssen. Trotz einiger versöhnlicher Zwischentöne ist die Überschneidung der «Yellowstone»-Botschaften mit der Einstellung von Donald Trumps Maga-Wählerschaft gross. Inklusive Cowboy-Macho-Getue. Vier Spin-off-Serien sind bereits angelaufen.

Nestlés Tiefkühl-Mahlzeiten kommen derweil ohne Politaufrufe aus. Dafür klingen die Namen der verschiedenen Menüs zumindest nach rot-weiss-blauem Testosteron: «Rip's Ranch Hand Beef and Cheese Pasta Bake», «Dutton Family BBQ Meatloaf and Mash» oder «Jimmy's Cowboy Chili with Beans» lauten einige der Gerichte.
Seit der exklusiven Lancierung 2024 in den XL-Supermärkten von Walmart seien die Yellowstone-Mahlzeiten ein überragender Erfolg, sagt ein Sprecher auf Anfrage von «Schweiz heute». Im vergangenen Jahr sei die Marke in der Kategorie der neuen Tiefkühl-Marken die Nummer 1 im Markt gewesen.
Nestlé füllt die Taschen von Trump-Freunden
Trotz der Betonung der Nährwerte auf den Verpackungen begibt sich Nestlé mit der Marken-Partnerschaft unweigerlich in politische Gefilde. Auf Linkedin verspricht der US-Marketingverantwortliche von Nestlé: «Sie können jetzt wie ein Dutton speisen.» Gleichzeitig ruft er zum Schauen der Serie auf dem Streamingportal von Paramount auf.
Der Unterhaltungskonzern Paramount Skydance wird von der Ellison-Familie kontrolliert. Wichtigster Finanzier und Mehrheitsaktionär ist Oracle-Mitgründer Larry Ellison. Der Tech-Milliardär ist ein enger Trump-Vertrauter. Er unterstützte Trumps Wahlkampf mit Millionen von Dollar. Ellisons TV-Sender CBS sorgte zuletzt für Aufruhr, als er bekannt gab, die Trump-kritische «Late Show» mit Stephen Colbert abzusetzen - offiziell aus finanziellen Gründen. Und der Supermarkt-Partner Walmart gilt als konservativer Riese, der deutlich mehr für republikanische Politiker spendet.
Sprich: Die Umsätze mit den Yellowstone-Menüs helfen nicht nur der Bilanz von Nestlé, sondern füllen dank der Lizenz-Partnerschaft auch die Taschen von Trumps reichen Freunden. Die Cowboy-Menüs sind damit mehr als ein kurioses Tiefkühlprodukt: Sie stehen exemplarisch für ein Amerika, in dem Popkultur, Supermarktregale und politische Machtzirkel längst eng miteinander verwoben sind.
Trump-Kritik des Nestlé-Chefs
Für den seit September amtierenden Nestlé-Chef Philipp Navratil dürfte es derweil in erster Linie um das Geschäft gehen. Denn der Schweiz-Österreicher muss seinen Konzern nach turbulenten Jahren mit überraschenden CEO-Abgängen und einem Babynahrungsskandal zurück auf die Erfolgsspur bringen. Zudem ist er zumindest in Sachen Umweltpolitik kein Fan von Trump, wie er vor einem halben Jahr an einem internen Anlass klar machte (CH Media berichtete).
15 Prozent von Nestlés 90-Milliarden-Franken-Umsatz stammten zuletzt aus Nordamerika. Dabei spielen die gefrorenen Mahlzeiten in den USA eine wichtige Rolle, obwohl sie in den vergangenen Jahren zahlenmässig nicht immer überzeugten. Nun verleihen ihnen einige Trends Schub.
Diätspritzen-Boom lässt grüssen
Einerseits sind sie relativ günstig - ein Plus in Zeiten hoher Inflation, wie sie die USA erleben. Viele Konsumentinnen und Konsumenten fehlt die Zeit zum Kochen. Mikrowellen- oder Airfryer-Gerichte helfen da. Und vermehrt suchen Leute nach portionierten Mahlzeiten, die auch ernährungstechnische Zusatznutzen versprechen. Der Diätspritzen-Boom lässt grüssen.
So wirbt die Verpackung von «Rip's Ranch Hand Beef and Cheese Pasta Bake» mit 37 Gramm Protein. Bekanntlich benötigen Nutzer von GLP-1-Medikamenten, welche die Kilos purzeln lassen, zusätzliches Eiweiss in ihrem Ernährungsplan. Noch deutlicher ist der Fokus auf die Abnehm-Kundschaft bei den Nestlé-Tiefkühlmarken «Lean Cuisine» und «Vital Pursuit». In deren Mahlzeiten erhöht Nestlé den Protein- und Ballaststoff-Anteil - ohne Cowboy-Romantik.



