Wie fanden Sie diesen 1. August? Zum Einschlafen? Erinnerte er an Corona-Geisterzeiten? Verzichteten Sie knurrend auf Vulkane und Raketen? Oder fanden Sie den patriotischen Abend diesmal stilvoller? Regte er gar Ihren Appetit an – für eine andere Art zu feiern? Weniger extra-knallig, mehr intro-vergnügt?
Mir gab dieser 1. August einen Vorgeschmack auf die Zukunft. Wir stecken ja, ob wir wollen oder nicht, in einer Kipp-Epoche. Es kippt die Beziehung Mensch/Maschine, es kippt das Verhältnis der Geschlechter, es kippt die demografische Pyramide, von Energie- und Mobilitätswende nicht zu reden. Das lässt auch einen Festtag wie den 1. August nicht kalt. Er kippt, weg vom Krawall – doch wohin?
Traditionell feiert ein Fest das Aussergewöhnliche: den Glanz, den Luxus, den Überschwang, mit Schlemmen, Bechern und anderen Exzessen. Das Fest als Ausnahme, als Gegenwelt zum prosaischen Alltag. Krachenlassen und Feuerwerken passen ins herkömmliche Brimborium. Weil der Alltag in der alten Welt ruhig war. Und meist dunkel. Drinnen etwas Kerzenschein, das dämmrige Licht von Öllämpchen, draussen die Sterne am Himmel.
In dieser Kulisse wurde Feuerwerk zur Sensation, nicht zufällig einst vom Sonnenkönig in Versailles und anderen Fürsten eingesetzt zur Beeindruckung der Untertanen. Die Nacht zum Tag machen! Den Augenblick zauberhaft erleuchten! Da staunte das Volk und ging in die Knie.
Dieser Zauber fehlt dem kleinbürgerlichen Feuerwerken im Vorgarten. Auch weil es heute ohnehin pausenlos glitzert und leuchtet und blinkt und gleisst, Reklame, Bildschirme, Flutlicht. Das fällt – inflationsbedingt – inzwischen unter «Lichtverschmutzung».
Dito akustischer Krawall. Über Jahrhunderte blieb es ziemlich still auf dem Planeten. Die Hitzköpfe mochten in der Beiz pöbeln, Bauern ihre Sensen dengeln, Hufschmiede ihre Eisen hämmern, Kinder schreien, Kirchenglocken läuten: Insgesamt war es ruhig auf der Welt. So dass laut werden musste, wer aus ihr ausbrechen wollte, etwas zu feiern hatte. Heute indes, wo dauernd Polizeisirenen heulen, Porsches röhren, Hubschrauber knattern, Tech-Bässe dröhnen, da empfinden wir Lautstärke nur noch als Lärm. Und entsprechend als Witz, wenn wir unseren Festtag mit denselben Mitteln abfeiern, von denen wir uns sonst belästigt fühlen.
Zum Fest, dem Aussergewöhnlichen, gehört ein extra Brimborium. Am besten verschwenderisch. Um zu verpulvern, was sonst rar ist. Was aber ist heute rar? Manche suchen das alte Pulver zu retten, indem sie den Krawall steigern. Noch lauter, noch schriller, noch teurer. Sie treiben die Verschwendung auf die Spitze, weil sie uns anders nichts mehr bedeutet, da schon unser kommuner Lebensstil verschwenderisch ist.
Irgendwann ist dann Schluss mit der Steigerungslogik. Sie kippt ins Gegenteil. Ich kenne Leute, die gehen nicht mehr zu Sport-Events, sie ertragen es nicht, wie die Platz-Speakers jedes Jahr lauter schreien – und das sportliche Ereignis zudröhnen. Müssen wir uns nun von der Dramaturgie der Verschwendung verabschieden?
Es ist wie mit Luxus generell. Wir sollten ihn neu definieren statt ersetzen. Als die Welt noch «leer» war, so bis Mitte 19. Jahrhundert, feierte Luxus den Überfluss (ist ja verwandt mit «Luxation» = ausrenken). Seither füllt sich die Welt, sie wird zum prallvollen Warenhaus, alles ist da, zum Brauchen, zum Unterhalten, überall Konsumware, Maschinen, Urlaubsinseln, überall Vehikel, überall Storys, Bilder, Beschallung. So läuft die moderne Welt, kann man nichts machen. Das Fest als Gegenwelt aber sieht darin alt aus.
Wo alles überfliesst, wo uns Champagner, Lachs, Pralinen zu Spottpreisen angedreht werden, da wird auch alles banal. Rar werden dann ganz andere Güter. Elementare Lebensbedingungen: Ruhe, Zeit, frische Luft, gutes Wasser, schattige Bäume, reichlich Platz, freundliche Leute um uns. Ist an keiner Shopping-Meile zu haben. Die Logik der Wünsche verkehrt sich. Der Luxus verabschiedet sich vom Überflüssigen – und strebt nach dem Notwendigen. So ungefähr definierte Hans Magnus Enzensberger den Luxus der Zukunft.
Ein anregendes Motto – auch für unseren 1. August der Zukunft. Speziell für die gefeierte Schweiz. Die kippt zwar nicht gleich. Doch im geliebten «Weiter-so»-Modus kommt sie nicht voran. Ein Fest für das künftig Dringliche gäbe gehörig Schub.

