
Tina Deplazes (Die Mitte) ist eine Politikerin, die ihre Argumente ruhig vorträgt. Sachlich im Ton, souverän im Auftritt. In der Miet-«Arena» aber fährt sie Jacqueline Badran an:
Es ist das erste, aber nicht das letzte Mal, dass die beiden Politikerinnen in der Sendung aneinandergeraten. Welche Knöpfe hat Badran bei Deplazes gedrückt, um diese so gegen sich aufzubringen? Und was haben Mieten mit Joghurt und Turnschuhen zu tun?
Über die seit Jahren ungebremst steigenden Mieten – die «Arena»-Redaktion fand den bemerkenswert boulevardesken Begriff «Miet-Irrsinn» dafür – diskutierten bei Moderator Sandro Brotz:
- Manfred Bühler, Nationalrat SVP/BE und Vorstand HEV Kanton Bern
- Jacqueline Badran, Vizepräsidentin SP und Vorstand Mieterinnen- und Mieterverband
- Tina Deplazes, Präsidentin Die Mitte Zürich
- Michael Töngi, Vizepräsident der Grünen und Vizepräsident des Mieterinnen- und Mieterverbands
Die Fakten
Die Debatte um die steigenden Mieten in der Schweiz wird emotional geführt. Was einerseits daran liegt, dass es eine Mehrheit der Bevölkerung betrifft: Rund 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnen zur Miete.
Andererseits verschärft sich das Problem seit Jahren – ohne dass die Politik überzeugende Lösungen dafür finden würde. Ein paar Zahlen:
Gemäss Mietbarometer, den der Mietverband in Auftrag gegeben hat, drücken rund 40 Prozent der Menschen in der Schweiz über einen Drittel ihres Einkommens für die Miete ab.
Ein immer grösserer Teil des verfügbaren Budgets geht für die Mietpreise drauf. Das heisst: Die Mietpreise sind in der Schweiz stärker angestiegen als die Reallöhne.
Der Anteil an leerstehenden Wohnungen am Gesamtwohnungsmarkt sinkt bedrohlich: Stand 1. Juni 2025 gab es in der Schweiz weniger als 50'000 Leerwohnungen. Oder anders ausgedrückt: Von 100 Wohnungen stand 1 leer.
Fällt die Leerwohnungsziffer unter ein Prozent, spricht man offiziell von einer Wohnungsnot. Das ist aktuell in 15 Kantonen der Fall.
Die Zuwanderung oder die Renditen?
Was aber hat Deplazes nun so aufgebracht?
Die meisten Menschen in der Schweiz seien zufrieden mit ihrer Wohnsituation, sagt Deplazes. Das Problem entstehe dann, wenn man auf Wohnungssuche gehen müsse – wenn man als junger Mensch von zuhause ausziehe, bei einer Familiengründung, im Scheidungsfall.
«Wir haben zu wenig Angebot, weil wir zu wenig bauen», sagt Deplazes. Dafür erntet sie ein lautes Aufstöhnen von Badran – es ist das, was Deplazes als respektlos empfindet.
Badran kontert: Es gehe halt auch nicht an, dass man in einer Sendung «faktenfernes Zeugs» behaupte. Es sei nämlich sogar mehr gebaut worden, als Leute zugewandert seien, sagt die SP-Vizepräsidentin.
Badran: «Mieten hätten sinken müssen!»Je länger die Miet-«Arena» dauert, desto klarer wird: Hier stehen sich Menschen mit nahezu unversöhnlichen Positionen gegenüber.
Auf der einen Seite die Linke, die sich für die Sache der Mieter einsetzt. Für sie sind die horrenden Mieten Ausdruck dafür, dass Liegenschaften zu Investitionsobjekten geworden sind, die möglichst viel Rendite abwerfen müssen.
Auf der anderen Seite sind Bürgerliche wie Manfred Bühler, die finden: Schuld an den hohen Mieten sind die vielen Regulierungen, die es quasi verunmöglichen würden, neue Wohnungsprojekte schnell zu bauen.
Und, natürlich, der SVP-Evergreen, die Zuwanderung.
Badran schäumt:
Das Problem seien vielmehr die illegalen Renditen, bei denen Mieterinnen und Mieter bis heute kaum ein Werkzeug hätten, um sich zu wehren, sagt Badran.
Die Quadratmeter
Moderator Brotz wollte auch noch darüber sprechen, dass der und die Einzelne in der Schweiz immer mehr Platz beanspruchen: 1980 waren es noch 34 Quadratmeter pro Person, 2024 deren 47.
Für Deplazes und Bühler auch ein Zeichen von gestiegenem Wohlstand. Deplazes findet, es gebe kein Menschenrecht darauf, in der Stadt Zürich an bester Lage zu wohnen. Die Ansprüche der Menschen seien gestiegen, sagt Bühler.
Die Leute hätten ja keine Wahl, sagt Töngi: «Man muss ja wohnen.» Deplazes erwidert, man müsse ja auch essen und gleichwohl sei die Lebensmittelbranche nicht gleich reguliert. Ein Argument, das Töngi nicht gelten lässt:
Und auch Badran findet: «Das ist eine Bagatellisierungs-Rhetorik, als würde es um Turnschuhe gehen.» Die Realität sei eben genau nicht mehr, dass Angebot und Nachfrage spielen würden, eine echte Auswahl hätten Mieterinnen und Mieter schon lange nicht mehr.
Wir lernen: Eine Wohnung ist weder ein Joghurt noch ein Turnschuh.
Der Eklat
Inmitten der Diskussion um Quadratmeter ist es nun Deplazes, die Badran provoziert. Es könne nicht jeder in einer 150-Quadratmeter-Wohnung hausen, wirft sie Badran sinngemäss vor.
«Stimmt es, dass Sie in einer so grossen Wohnung wohnen?», schaltet sich Brotz ein. Badran: «Geht's noch?»
Immerhin gibt Badran dann noch preis, dass sie in einer Blockrandüberbauung wohnt, «wunderschön verdichtet» und mit Gärten im Innenhof: «Wenn wir schon mehr bauen wollen, dann so», sagt Badran. «Wir brauchen moderne Altstädte und keine Hochhäuser.»
Es ist der einzige Punkt, in dem sich Links und Rechts, Mieterinnen und Hauseigentümer an diesem Abend treffen. Verdichtetes Bauen ja, aber lieber aneinander statt aufeinander.
Dass die zerfahrene Schweizer Wohnpolitik künftig hingegen vermehrt ein Miteinander sein wird, darf nach dieser Sendung zumindest bezweifelt werden.

