Analyse

Der Messerangriff von Winterthur und die Stunde der Verharmloser

Nur ein Einzelfall! Vielleicht gar nicht Terrorismus! Keine voreiligen Schlüsse! Das ist der Tenor nach der Messerattacke von Winterthur. Er führt in die Irre.
Ort des Grauens: Ein Polizeiauto am Bahnhof Winterthur nach dem Messerangriff auf drei Personen.
Bild: Claudio Thoma/Keystone

Nach islamistischen Gewalttaten folgt fast reflexartig derselbe Dreiklang: Die Schweiz sei sicher, man dürfe keine vorschnellen Schlüsse ziehen, es handle sich um einen Einzelfall.

So war es auch nach der Messerattacke von Winterthur, bei der ein vorbestrafter 31-jähriger Islamist drei Personen verletzt hat. Extremismusforscher Dirk Baier beschwichtigte auf Radio SRF: «Die Schweiz ist sicher, die Behörden machen einen guten Job.»

Der Reflex, die Bedeutung einzelner Taten herunterzuspielen, ist fragwürdig. Irritierend ist auch, wie schnell der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr in die Kritik geriet, weil er von einer Terrorattacke sprach und den Namen des Verhafteten mitteilte.

Selbstverständlich darf man über die Einordnung des Angriffs diskutieren – Terror oder nicht? – und darüber, ob es angemessen ist, den Namen zu nennen. Aber warum dreht sich die Debatte sofort um Begriffe und die Kommunikation statt um die Tat selbst?

Der Verdacht liegt nahe: Dahinter steckt die Befürchtung, der Messerangriff von Winterthur könnte der «falschen» Seite in die Hände spielen. Zwei Wochen vor der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz-Initiative gilt das umso mehr. Tatsächlich – es war absehbar – liess die SVP nicht lange auf sich warten und nutzte den Messerangriff umgehend für ihre Ja-Kampagne.

Doch diese Initiative und weitere Vorstösse zu Asyl- und Ausländerfragen bekämpft man nicht, indem man Debatten, die unvermeidlich sind, auf Nebengleise leitet. Man bekämpft sie, indem man Probleme offen anspricht. Nur das schafft Vertrauen.

Dazu gehört, die Verkettung von Fehlern zu benennen, wie sie unser Extremismusspezialist Kurt Pelda beschreibt. Wie kann es sein, dass ein seit Jahren bekannter Islamist unbehelligt in die Schweiz zurückkehrt, monatelang unter dem Radar bleibt und noch einen Tag vor der Tat als ungefährlich eingestuft wird?

Das darf in einem Land, in dem die Behörden einen «guten Job machen», nicht geschehen. Falsch ist auch, von einem Einzelfall zu sprechen. 2025 führte die Bundesanwaltschaft 140 Strafverfahren im Bereich Terrorismus, die meisten davon mit islamistischem Hintergrund.

Panik ist fehl am Platz. Verharmlosung ebenso. Die Schweiz hat ein Extremismusproblem. Es lässt sich nicht wegrelativieren.

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