
Der Aktienindex FTSE MIB der italienischen Börse in Mailand rasselte gestern mehr als 3 Prozent in den Keller. Der Index fiel damit auf den tiefsten Stand seit Mitte November. Besonders hart getroffen hat es Bankaktien wie diejenigen der Banca Popolare, die mehr als 7 Prozent an Wert verloren, oder Unicredit, die mehr als 6 Prozent einbrachen.
«Es war ein richtiger Ausverkauf an der Mailänder Börse», sagt Christian Gattiker, Chefstratege und Leiter Research bei der Bank Julius Bär. Italiens Premierminister Mario Monti hatte am Samstag angekündigt, dass er zurücktreten werde, wenn das Parlament sein Budget für 2013 angenommen habe. Der ehemalige Premierminister Silvio Berlusconi, der als Gegner der gegenwärtigen Sparpolitik
bekannt ist, kündigte zudem an, dass er nochmals als Premierminister kandidieren wolle. Die Wahlen werden möglicherweise im kommenden Februar abgehalten.
Temporäre Unsicherheit
Und auch auf den Anleihenmärkten war am ersten Handelstag nach der Rücktrittsankündigung Montis Verunsicherung spürbar. So weiteten sich die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen so stark wie schon lange nicht mehr aus. Der Risikoaufschlag für italienische Obligationen mit einer Laufzeit von zehn Jahren weitete sich gegenüber den als sicher geltenden deutschen Bundesobligationen auf 355 Basispunkte oder 3,55 Prozent aus. Das heisst: Weil Anleger die Zukunft der italienischen Wirtschaft unsicherer einschätzen, verlangen sie für italienische Anleihen 3,55 Prozent mehr Rendite als für eine deutsche Obligation.
«Montis Rücktrittsankündigung bringt temporär Unsicherheit», sagt Oliver Adler, Head Economic Research bei der Credit Suisse. Er geht davon aus, dass die Unsicherheit noch zunehmen würde, sollte Berlusconi tatsächlich neuer Premier werden. Adler rechnet allerdings auch damit, dass die neue italienische Regierung, unter welchem Premier auch immer, den aktuellen Kurs der Wirtschaftspolitik weiterverfolgen wird. «Italien hat da keine Wahl», so Adler.
Bankenmarkt hat sich stabilisiert
Trotz der gestrigen Kursausschläge darf die Situation nicht dramatisiert werden. Experten weisen darauf hin, dass Italien schon im laufenden Jahr einen sogenannten Primärüberschuss erzielen wird. Das heisst: Rom erzielt vor den Zinszahlungen für Staatsschulden einen Budgetüberschuss, was als Erfolg der Sanierungsbemühungen zu werten sei. «Der Primärüberschuss zeigt, dass Italien schon einiges erreicht hat», so Gattiker gegenüber der «Nordwestschweiz».
Der Anlagestratege geht denn auch nicht davon aus, dass Montis Rücktrittsankündigung für nachhaltige Verunsicherungen an den Finanzmärkten sorgen wird. «Die Nachrichten haben etwas auf den Risikoappetit der Anleger geschlagen, aber diese politischen Wirren haben in der Regel kurze Beine», so Gattiker.
Insgesamt präsentieren sich die Finanzmärkte aber auch nach den Zuckungen vom Montag in einer deutlich besseren Verfassung als in der ersten Jahreshälfte 2012. Vor allem der Interbankenmarkt hat sich nach der Ankündigung des Anleihenkaufprogramms durch die Europäische Zentralbank (EZB) stabilisiert. So zahlt ein Investor, der sich gegen Zahlungsausfall bei Bankanleihen im Wert von einer Million Euro und einer Laufzeit von fünf Jahren versichern will, heute im Schnitt 15 300 Euro. Im letzten Sommer waren es wegen der höheren Risiken bis zu 30 000 Euro. Und auch von der Dollarknappheit in Europa, die vor einem Jahr die Finanzmärkte auf Trab hielt, ist heute nichts mehr zu spüren.
Problem der Zinsunterschiede
Die Zinsen in den verschiedenen Euro-Ländern notieren aber immer noch auf ganz unterschiedlichen Niveaus. Experten werten das als Signal dafür, dass von einer Normalisierung noch nicht gesprochen werden kann. So mussten Klein- und Mittelunternehmen (KMU) im Oktober in Griechenland oder Portugal für einen einjährigen Bankkredit bis zu einer Million Euro rund 7 Prozent Zins zahlen. In Italien und Spanien waren es rund 5 Prozent, in Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden weniger als 3 Prozent. Das Ziel der EU und der EZB ist es, diese Finanzierungskosten für KMU wieder auf ein einheitliches Niveau zu bringen. Das ist trotz des Anleihenrückkaufprogramms der EZB vom vergangenen September noch nicht gelungen.
Die unterschiedlichen Finanzierungskosten spiegeln die höheren Kreditrisiken, die wegen der Rezession in Südländern immer noch deutlich höher ausfallen. Die hohen Zinsen bremsen aber auch den wirtschaftlichen Aufschwung, da sie die Investitionstätigkeit der Unternehmen hemmen. «Die EZB wird im kommenden Jahr noch wesentlich massiver intervenieren müssen», so Adler.