
Der aufsehenerregende Prozess gegen die wegen der Tötung ihrer drei kleinen Kinder angeklagte Lindsay Clancy ist geplatzt. Nachdem die Geschworenen im US-Bundesstaat Massachusetts am Freitag zum dritten Mal erklärt hatten, sie könnten sich auf kein Urteil einigen, erklärte der Vorsitzende Richter William Sullivan das Verfahren für beendet. Einen zwischenzeitlichen Einspruch der Verteidigung gegen den Schritt wies das Oberste Gericht von Massachusetts zurück.
Die 36-jährige Clancy bestreitet nicht, ihre fünf und drei Jahre alten Kinder sowie ihr acht Monate altes Baby 2023 im Keller ihres Hauses erwürgt und anschliessend versucht zu haben, sich das Leben zu nehmen. Ihre Verteidigung argumentiert aber, die frühere Geburtshelferin habe infolge einer postpartalen Psychose gehandelt. Die Staatsanwaltschaft hält sie dagegen für strafrechtlich verantwortlich und argumentiert, die Angeklagte habe gewusst, was sie tat.
Jury beklagte sich über einzelnes Mitglied
Der Vorsitzende der Jury hatte Sullivan am Donnerstag mitgeteilt, ein Mitglied halte sich nicht an dessen Vorgaben zu begründeten Zweifeln. Der Richter befragte daraufhin alle Geschworenen einzeln und erläuterte anschliessend erneut seine entsprechenden Anweisungen. Einen Antrag von Clancys Anwalt Kevin Reddington, das betreffende Jurymitglied auszuschliessen, lehnte Sullivan ab. Es sei nicht seine Aufgabe, sich auf die Seite eines Geschworenen oder der anderen elf zu stellen, erklärte der Richter.
Am Freitag, dem siebten Beratungstag, teilte die Jury dann mit, sie komme zu keinem einstimmigen Urteil. Richter Sullivan kündigte daraufhin an, die Geschworenen zusammenzurufen, um ihnen zu erklären, der Prozess sei geplatzt. Doch Reddington protestierte. Es kam zu einem Wortwechsel. «Ich bitte lediglich um Zeit, um gegen diese Farce eine Berufung vor einem Einzelrichter einzulegen», sagte Reddington. Sullivan gab schliesslich nach und sagte: «Ich werde eine Stunde warten.» Rechtsanwältin Dana Goldblatt erklärte später, sie habe in Reddingtons Namen eine Eilbeschwerde eingelegt.
Der Rechtsexperte Joseph Perullo sagte, ein einzelner Richter des Obersten Gerichtshofs von Massachusetts prüfe, ob Sullivan seinen Ermessensspielraum missbraucht, einen behebbaren Rechtsfehler begangen oder etwas «Gravierendes getan hat, das korrigiert werden muss, bevor ein Scheitern des Verfahrens verkündet wird». Das Oberste Gericht wies den Antrag kurz darauf zurück und Sullivan erklärte das Verfahren für ungültig.
Debatte um psychische Gesundheit von Müttern nach der Geburt
Die Staatsanwaltschaft muss jetzt entscheiden, ob sie Clancy erneut vor Gericht stellt, die Anklage fallen lässt oder eine Verständigung mit der Verteidigung anstrebt.
Der Prozess ist in den USA auf grosses Interesse gestossen und wurde live im Fernsehen übertragen. Der Gerichtssaal ist mit Journalisten und Zuschauern gefüllt. Der Fall hat zudem eine breite Debatte über Clancys strafrechtliche Verantwortung und die psychische Gesundheit von Müttern nach einer Geburt ausgelöst. (dpa)