Interview

Ex-Armeechef zu Sprengstoff-Drohne in Leipzig: «Das ist ein Weckruf für die Schweiz»

Die Zeit zu handeln sei «definitiv gekommen», sagt Thomas Süssli, bis 2025 Armeechef. Er fordert ein nationales Drohnenzentrum und einen runden Tisch mit den Betreibern kritischer Infrastrukturen.
«Die Zeit zu handeln ist definitiv gekommen»: Thomas Süssli, ehemaliger Armeechef.
Bild: Anthony Anex/Keystone

Am Flughafen Leipzig wurde eine Sprengstoff-Drohne neben einem ukrainischen Frachtflugzeug entdeckt. Sie explodierte nur nicht, weil der Zünder offenbar abgerissen war. Was dachten Sie da?

Thomas Süssli: Mein erster Gedanke war: So etwas musste ja mal passieren. Die Bedrohung durch Drohnen ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg ein grosses Thema. Selbst jede Terrororganisation kann heute billig solche Drohnen herstellen.

Offiziell ist noch unklar, wer hinter dem versuchten Anschlag steckt. Man geht von einem staatlich gesteuerten hybriden Angriff aus. Der Hauptverdacht fällt auf Russland. Was vermuten Sie selbst?

Ohne Primärquellen gesehen zu haben, ist es heikel, über mögliche Täter zu spekulieren.

Auf dem Flughafen Leipzig suchen Polizistinnen und Polizisten nach der Entdeckung der Sprengstoff-Drohne das Gelände ab.
Bild: Sebastian Willnow/DPA

Was bedeutet dieser Fall für die Schweiz?

Die Drohnengefahr rückt damit schlagartig wieder in unser Bewusstsein. Eine mit Sprengstoff versehene Drohne stellt eine neue Qualität dar. Das ist auch ein erneuter Weckruf für die Schweiz. Wir reden schon lange darüber, dass wir eine bessere Drohnenabwehr brauchen. Die Zeit zu handeln ist definitiv gekommen.

Welche Rolle spielt die Armee bei der Drohnenabwehr?

Sie ist sozusagen die letzte Reserve. Im Alltag kann sie nicht zum Schutz gegen Drohnen eingesetzt werden. Dafür gibt es keine rechtlichen Grundlagen. Möglich wäre, dass der Bundesrat subsidiäre Einsätze zum Schutz kritischer Infrastrukturen beschliesst, ähnlich den Einsätzen der Armee in der Pandemie.

Die Armee hat aber auch nur wenige Mittel für die Drohnenabwehr.

Sie hat erste Drohnenabwehrsysteme. Aber sie muss, wie alle anderen, noch aktiver werden.

Gefährdet sind vor allem kritische Infrastrukturen wie Flughäfen, Atomkraftwerke und Energieanlagen. Wie sollen sie geschützt werden?

Diese kritischen Infrastrukturen müssen nun ihre Verantwortung wahrnehmen und eine Drohnenabwehr aufbauen. Sofern sie das nicht getan haben.

Was braucht es für eine effektive Drohnenabwehr?

Die Komplexität ist hoch. In einem ersten Schritt braucht es Sensoren, um Drohnen überhaupt entdecken zu können. Es gibt optische, akustische und elektromagnetische Sensoren. In einem zweiten Schritt müssen klare Grundlagen erarbeitet werden, wer entscheidet, ob und wie man gegen eine Drohne vorgeht. Als dritten Schritt sind Effektoren nötig, also Mittel, die auf Drohnen einwirken. Ich kann mir vorstellen, dass es bald Unternehmen geben wird, die das anbieten.

Welche Mittel gibt es?

Es gibt Lasersysteme, kinetische Systeme wie Skynex oder Skyranger von Rheinmetall Air Defence, elektromagnetische Störsender für das Jammen, also das Unterbrechen der Steuerung einer Drohne. Es gibt Netze, um Drohnen physisch einzufangen. Und man kann Drohnen hacken. Ein wichtiges Mittel gegen tieffliegende kleine Drohnen sind Interceptor-Drohnen, also Drohnen, die Drohnen rammen.

Welches Mittel eignet sich für kritische Infrastrukturen?

Gewisse Infrastrukturen könnten besonders gut mit Netzen geschützt werden. Ich denke da etwa an Teile von Anlagen bei wichtigen Stromschaltanlagen. In der Ukraine gehören Bilder von Verkehrswegen und wichtigen Gebäuden, die mit Netzen geschützt sind, zum Alltag.

Deutschland hat auf die Drohnengefahr reagiert und sehr schnell ein Drohnenzentrum eröffnet. Braucht die Schweiz das auch?

Ein Drohnenzentrum des Bundes wäre sinnvoll. Man sollte das Wissen, die Kompetenzen für Beschaffungen und das Netzwerk zentralisieren. Das hat man schon bei der Cyberabwehr so gemacht. Später entstand daraus das Bundesamt für Cybersicherheit.

Gibt es rechtlichen Handlungsbedarf?

Ich fürchte, die Kantone müssen ihre rechtlichen Grundlagen überprüfen. Sie sind für die Sicherheit verantwortlich.

Die zentrale rechtliche Frage ist wohl: Wer entscheidet wann und wo, was gegen eine Drohne unternommen wird?

Da es bei Gefahr schnell gehen muss, sollten diese Entscheide vor Ort gefällt werden. Nur dort kann man den potenziellen Schaden einschätzen, den ein Drohnenabschuss auslösen würde. Dafür braucht es einen klaren rechtlichen Rahmen.

Was muss die Schweiz sofort tun?

Sie sollte sofort ein Lagebild erstellen. Zudem soll sie klären, was die verschiedenen Kantone tun. Und man müsste schnell einen runden Tisch mit den Betreibern kritischer Infrastrukturen durchführen. Das sind Sofortmassnahmen, die ohne Drohnenzentrum möglich sind.

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