Drogen

Gras statt vom Dealer aus der Apotheke – mit überraschenden Folgen

Statt vom Dealer sollen die Kiffer bald ihr Gras direkt von staatlich bewilligten Abgabestellen erhalten. Pilotprojekte in drei Städten zeigen dabei teils erstaunliche Ergebnisse.

Er sei, sagt der Mann, durchaus erfolgreich durchs Leben gekommen. Und das «trotz 50 Jahren Kiffen». Der 70-jährige Berner ist Teilnehmer eines Pilotprojekts zur legalen Cannabisabgabe. Er holt sich sein Gras mittlerweile in der Apotheke. Und dabei hat er gewisse Gewohnheiten geändert: Statt selbstgedrehter Joints setzt er vermehrt auf die E-Variante.

Der Mann sitzt am Montagmorgen an einer Pressekonferenz zu Pilotversuchen in den Städten Bern, Biel und Luzern. Neben ihm drei Stadträtinnen und Experten, welche die Studien leiten. Er, der aus Rücksicht auf Kinder und Enkel nicht mit richtigem Namen genannt werden will, ist der Praktiker unter den Theoretikern. Bildhaft und amüsant reflektiert er den eigenen Konsum.

Alle drei Städte wollen einen pragmatischen Umgang mit der Droge Cannabis. Mit den Pilotprojekten wollen sie aufzeigen, welche Wege einer legalen Abgabe möglich wären und was die Chancen und Risiken wären. Grundsätzlich sind alle Beteiligten mit den Zwischenergebnissen zufrieden. Es gibt sogar Erstaunliches zu berichten: Die teilnehmenden Kiffer und Kifferinnen haben ihren Konsum in der Tendenz leicht reduziert. Und das, obwohl der Drogenhanf für die Probanden praktisch uneingeschränkt verfügbar war.

«Alles ist besser als Verbrennen»

Zudem sind mehrere Teilnehmer der Studie auf alternative Konsumformen umgestiegen. Statt THC per Joint wurde der Wirkstoff per Verdampfer oder als Spray eingenommen. «Alles ist besser als Verbrennen», sagt Reto Auer, Studienleiter des Berner Instituts für Hausarztmedizin. Zahlreiche der gesundheitlichen Risiken gingen nicht vom berauschenden THC aus, sondern vom Tabak, der für das Rauchen benötigt wird.

Der Gesundheitsaspekt ist auch einer der Schwerpunkte der Pilotversuche in Bern, Biel und Luzern. Andere Pilotversuche in anderen Städten wie etwa Zürich, legen einen etwas andern Fokus. Auer sagt: «Eine Risikominimierung ist nur möglich, wenn gleichzeitig der Markt auch strenger reguliert wird.» Sprich: Wenn man das Kiffen dem Schwarzmarkt überlässt, kann die Art und Weise des Konsums auch nicht gesteuert werden.

Die Veröffentlichung der Zwischenergebnisse der Studie steht denn auch in einem grösseren Kontext: Das nationale Parlament brütet derzeit erneut über eine Cannabislegalisierung. Die Gesundheitskommission des Nationalrats hat eine Vorlage ausgearbeitet, die eine staatlich kontrollierte Abgabe vorsieht. Derzeit wird sie überarbeitet, bevor sie das Parlament kommendes Jahr berät.

Erleichterung für viele Frauen

In der Vernehmlassung gab es viel Gegenwind für die Pläne. Zahlreiche Kantone und Verbände geht der eingeschlagene Weg zu weit oder er kommt zu früh. Die Verantwortlichen in Biel, Bern und Luzern befürworten die vorgeschlagene Entkriminalisierung dezidiert.

Rebecca Tomaschek, die die Studie in Luzern leitete, betont die guten Erfahrungen, die man mit der Abgabe in den Apotheken machte. Gerade für viele kiffende Frauen sei es eine Erleichterung: «Wir haben mehrere Berichte erhalten, dass Frauen bei Dealern oft sexuelle Avancen erdulden müssen.»

Auf viele Fragen kann auch die Studie aber noch keine Antwort geben: Wie hoch eine allfällige Steuer sein sollte, wird ebenso wenig beantwortet wie die Frage, wie niederschwellig der Zugang sein müsste. «Zuerst muss man entscheiden, dass man mehr regulieren will, erst danach kommt die Frage nach dem Wie», sagt Reto Auer.

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