Die Stimme von Grossinvestor Marc Andreessen hat im kalifornischen Silicon Valley grosses Gewicht. Ein Post von Andreessen auf der Plattform X über das chinesische KI-Start-up DeepSeek vom vergangenen Freitag löste Schockwellen aus, die auch in dieser Woche noch zu spüren sind.
Andreessen hatte geschrieben, dass DeepSeek einer der «beeindruckendsten Durchbrüche» sei, die er jemals gesehen habe. Ausserdem bezeichnete der Star-Investor den Erfolg des neuen chinesischen KI-Modells als «Sputnik-Moment der KI» und zog einen Vergleich mit dem Achtungserfolg der Sowjetunion, die am 4. Oktober 1957 mit dem ersten künstlichen Erdsatelliten «Sputnik» die westliche Welt überraschte.
Platz 1 in den Charts
Das überschwängliche Lob sprach sich schnell herum: Im Apple-App-Store fürs iPhone und iPad kletterte DeepSeek über das Wochenende hinweg auf Platz eins der kostenlosen Anwendungen - und verdrängte damit ChatGPT von OpenAI auf Platz zwei.
Die Reaktion der Börse fiel heftig aus: Vor allem die Aktie des KI-Chip-Spezialisten Nvidia geriet ins Taumeln und verlor am Montag vorbörslich um rund 12 Prozent. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg später berichtete, stürzte die Aktie kurz nach der Eröffnung um bis zu 13 Prozent ab und brachte damit an einem Tag rund 465 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung zum Verschwinden. Zugleich sei so der bisherige Rekordverlust übertroffen worden: ein Rückgang um 9 Prozent im September 2024, der etwa 279 Milliarden US-Dollar an Wert vernichtete.
Die Papiere des niederländischen ASML-Konzerns, des weltweit grössten Anbieters von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie, gaben um über 8 Prozent nach. Der Softwareriese Microsoft, der eng mit dem kalifornischen KI-Start-up OpenAI (ChatGPT) verbandelt ist, sackte um knapp 4 Prozent ab.
Das Beben erreichte auch den Börsenplatz Frankfurt, auch weil Zulieferer für Rechenzentren wie Siemens Energy (minus 19 Prozent) und Schneider Electronic aus Frankreich (minus 9 Prozent) hart getroffen wurden. Und es sackten Aktien aus der Chipindustrie ab. In der Schweiz hingegen blieb es ruhig, der Swiss Market Index (SMI) legte sogar um etwas mehr als 1 Prozent zu. Die Schweizer Börse hatte nicht vom KI-Hype profitiert, nun da dieser infrage gestellt ist, scheint sie nicht darunter zu leiden.
Erinnerung an die Dotcom-Blase
Manche Beobachter fühlten sich sogar an das Platzen der Dotcom-Blase im März 2000 erinnert, als grosse Zulieferer wie der Server-Hersteller Cisco abstürzten, weil sich die Geschäftsmodelle etlicher Internet-Start-ups als nicht tragfähig erwiesen hatten.
25 Jahre nach dem überhitzten Boom der Dotcom-Wirtschaft stellt jedoch heute kaum jemand in Abrede, dass Anwendungen künstlicher Intelligenz Wirtschaft, Rechtswesen, das Gesundheitswesen und die Gesellschaft ganz allgemein umfassend verändern werden. Der Erfolg von DeepSeek wirft aber die Frage auf, ob die Transformation in einer KI-Gesellschaft nicht kosteneffizienter zu haben ist, weil möglicherweise weniger leistungsstarke KI-Chips ausreichen, um erfolgreiche KI-Modelle zu schaffen.
Wenn die Modelle von DeepSeek wirklich so überzeugend sind und weniger Leistung brauchen, bedarf es vielleicht gar keiner 500-Milliarden-US-Dollar-Rechenzentren – wie das KI-Projekt «Stargate», das US-Präsident Donald Trump erst vor wenigen Tagen grossspurig angekündigt hatte.
KI mit weniger Chips
Experten jedenfalls waren überrascht, dass es DeepSeek gelungen war, eine vergleichbare Leistung wie die KI-Modelle der US-Konkurrenten OpenAI und Meta zu erzielen und dabei angeblich weitaus weniger Hochleistungschips zu benötigen. Dabei spielte es auch keine Rolle, dass die Suchergebnisse von DeepSeek klar von der chinesischen Zensur geprägt waren und beispielsweise keine Suchergebnisse zum Tian’anmen-Massaker im Juni 1989 am Platz des himmlischen Friedens lieferten.
«Plötzlich könnten all die hohen Bewertungen so gar nicht mehr gerechtfertigt sein, und plötzlich interessiert sich an der Börse auch keiner mehr für die grossen Versprechungen des neuen US-Präsidenten Donald Trump, weitere 500 Milliarden Dollar in den KI-Hype zu investieren», schrieb Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar vom Handelshaus RoboMarkets. DeepSeek könnte die Antwort auf die Zollandrohungen aus Washington sein. ( dpa )
