Asien

Jetzt hat sogar China Angst vor KI – aber aus einem anderen Grund

Während die US-Tech-Bosse vor der Auslöschung der Menschheit warnen, sorgen sich Pekings Parteikader um ihren Machterhalt. Doch statt einer Verlangsamung der Entwicklung wollen sie das genaue Gegenteil.

Als die KI-Chefs aus dem Silicon Valley vor den Gefahren künstlicher Intelligenz warnten, reagierte Peking instinktiv mit Misstrauen. Die staatliche «Global Times» etwa wertete die Debatte vor allem als Versuch, Chinas rasant voranschreitende KI-Industrie eindämmen zu wollen. Auch Chinas Aussenministerium teilte über einen Sprecher mit, dass die US-Forderungen nach einer Verlangsamung der technologischen Entwicklung «Angstmacherei» sei.

Doch hinter den Kulissen gibt es auch in Peking immer mehr Experten, die sich vor einem Kontrollverlust sorgen. Am Sonntag hat ausgerechnet Chen Yixin, Minister der berüchtigten Staatssicherheit, den bisher eindringlichsten Appell veröffentlicht. «China muss die Kontrolle über die Entwicklung und Regulierung künstlicher Intelligenz fest in der eigenen Hand behalten», kommentierte der Chef des chinesischen Geheimdienstes in seinem Essay.

Und er warnte sowohl vor den äusseren als auch inneren Gefahren der sich rasant entwickelnden Technologie: Militärisch wird sie eine «Schlüsselrolle» auf dem Schlachtfeld spielen, zudem stellten ausländische KI-Modelle eine erhöhte Spionage-Gefahr dar. Vor allem aber, so argumentierte Chen, könne KI als Instrument kognitiver Kriegsführung missbraucht werden: «Dies bedroht unmittelbar unsere politische Sicherheit, die Sicherheit unseres Systems und unsere ideologische Sicherheit.»

Pekings Perspektive auf die künstliche Intelligenz

Was der Minister für Staatssicherheit umschreibt, gibt wertvolle Einblicke in Pekings Perspektive auf künstliche Intelligenz. Überraschend ist sie keineswegs: Das übergeordnete Ziel der Staatsführung ist stets die Machtsicherung der Partei.

Doch im Umgang mit der digitalen Revolution hat die KP während der letzten zwei Dekaden eine erhebliche Entwicklung durchgemacht: Als sie zunächst sah, wie die aufkommenden sozialen Medien beim «arabischen Frühling» der frustrierten Jugend dabei halfen, sich gegen korrupte Autokraten zu mobilisieren, führte dies umgehend zu einer rigiden Zensurpolitik in der Volksrepublik. Doch die Paranoia hat sich längst in Selbstbewusstsein gewandelt: Weil die Partei entdeckt hat, wie sie die digitalen Plattformen auch als Instrument politischer Kontrolle und Propaganda für sich nutzen kann.

Diesen Kurs führt sie nun auch bei künstlicher Intelligenz fort. Chinesische Anbieter generativer KI werden bereits stark inhaltlich reguliert. Wer etwa mit dem in Hangzhou entwickelten DeepSeek über die Biografie von Staatschef Xi Jinping sprechen, mehr über die Kulturrevolution unter Mao Tsetung erfahren oder nach den Anti-Regierungsprotesten gegen Ende der Corona-Pandemie fragen möchte, wird sofort abgewürgt.

Doch die Parteiführung hat der Branche auch strikte Vorgaben bei der Kennzeichnung von KI-Inhalten auferlegt. Zudem müssen Online-Plattform dafür sorgen, dass sie nach chinesischem Recht keine verbotenen Inhalte verbreiten und den Jugendschutz einhalten. Die Regulierungen sind also im direkten Vergleich mit den USA strikter.

Hilfsmittel für den Aufstieg zur Weltmacht

Doch wer nun annimmt, dass Chinas Parteiführung auf eine Verlangsamung der KI-Forschung pocht, könnte falscher nicht liegen. Die Technologie steht bei Xi Jinping im Kern des chinesischen Aufstiegs zur Weltmacht: Mithilfe künstlicher Intelligenz möchte er eine sozialistische Planwirtschaft kreieren, die der freien Marktwirtschaften überlegen sein soll. Und vor will er die Technologieführerschaft erzielen, um militärische Dominanz zu projizieren.

Dies beruht auf einem kollektiven Trauma: Unter den Parteikadern in Peking herrscht die Auffassung, dass «das Jahrhundert der nationalen Erniedrigung» schlussendlich erst möglich wurde, weil das alte China die technologischen Erneuerungen der Industrialisierung verschlafen hatte. Während der Opiumkriege konnten die dampfbetriebenen Kanonenboote der Briten die chinesische Armee in die Knie zwingen. Nun dürfe sich die Geschichte unter keinen Umständen wiederholen, schwört Xi seinen Kadern immer wieder ein.

Was aber bedeutet dies für die internationale Staatengemeinschaft? In weniger als zwei Wochen werden sich die Staatschefs der zwei KI-Weltmächte in Washington treffen. Immer mehr Experten fordern, dass Donald Trump und Xi Jinping bei ihrem Gipfeltreffen auch einen Dialog zur KI-Regulierung führen sollten, ja am besten ein bindendes Regelwerk anstreben.

Doch Kritiker halten dies für naiv. «Wenn die Volksrepublik China sich nicht an Rüstungskontrollen beteiligt, weil sie militärisch hinterherhinken, warum glauben die Leute dann, dass sie sich bei KI in sinnvoller Weise darauf einlassen würde?», meint Bill Bishop, langjähriger China-Beobachter und Autor des Newsletters «Sinocism».

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